Die Chronik des 2. Weltkrieges in Neuenhaus 1939

von Ludwig Sager

Der Neuenhauser Lehrer Ludwig Sager fertigte während des 2. Weltkrieges Aufzeichnungen zur persönlichen und familiären Erinnerung. Aus diesen Texten entstand ein Beitrag für das Jahrbuch der Heimatvereins 1955, in dem er die letzten Monate des Krieges beschrieb, sowie ein Text im folgenden Jahr 1956, der die Ereignisse der Jahre 1939 bis 1944 festhielt. Hier der erste Teil über die Jahre 1939 und 1940 in einer wörtlichen Wiedergabe mit leichten Kürzungen.

1940    l   ... 1941  l   ... 1942   l   1943   l   1944 

26. 8. 1939: Wieder Krisenstimmung wie Ende September vorigen Jahres. Die Danziger Frage ist auf dem Höhepunkt. Seit gestern stille Mobilmachung, massenhafte Einberufungen, Verdunkelungsübungen und ernste Gesichter.

Zusammenhang mit dem russischen Nichtangriffspakt vom 23. 8.1939, der wie eine Bombe einschlug?

Gestern, als die Einberufungen kamen, sahen alle den Krieg als unmittelbar bevorstehend an. Heute wird wieder verhandelt, wieder Hoffnung. Krieg der Nerven! Spiel mit höchsten Einsätzen?

Auf der Straße Militär; Grenzschutz und Fluwa sind aufgeboten. Wieder ein Sonnabend wie der letzte Julitag 1914: schwül und die Luft voller Spannung. Millionen sitzen am Rundfunk.

1. 9.1939: Ein Datum, das sich noch einst die Kinder einprägen werden. Der Krieg ist da.

3. 9.1939: Kriegserklärungen von England und Frankreich. Was seit Jahren drohte, trat ein: der Zweifrontenkrieg. Hier in Neuenhaus in der Nacht auf den 4. 9. 1939 englische Flieger, die Flugblätter abwarfen. Sammeln und abliefern. Luftschutzkeller werden eingerichtet. Schule bis zum

8. 9.1939 geschlossen. Holland will neutral bleiben, desgleichen Belgien. So schwindet allmählich die Furcht, dass wir hier an der Grenze räumen sollen. Die Menschen sind ruhig und gefasst, die Mütter bangen sich um Nachrichten von den Söhnen an der Front.

1. 11. 1939: Krieg in Polen nahm ein rasches Ende. Keine Verlustnachrichten. Nun eine große Atempause. Rätselraten: Wird's wieder losgehen?

13. 11. 1939: Am 9. in Wilsum bei L. gejagt, abends Anschlag auf Hitler im Bürgerbräukeller in München: verworrene Sache!

20. 11. 1939: Unser Sohn auf Urlaub. Er erzählt rührend von den Kameraden, die der Tod von seiner Seite riss.

31.12. 1939: An der Schwelle des alten Jahres. In Neuenhaus liegt eine Nachrichten-Abteilung. Seit Wochen Einquartierung. Sonst geht alles seinen gewohnten Gang. Bezugsscheine für Kleidung. Lebensmittelkarten sind gleich bei Kriegsbeginn eingeführt. Auf Umwegen wird mal 1 Pfund Butter beschafft. Abends Verdunklung, doch lässt sich kein Flieger sehen.

1940    l   ... 1941  l   ... 1942   l   1943   l   1944 

Quelle: Jahrbuch des Heimatvereins Grafschaft Bentheim 1956, bearbeitet von Georg Kip, Bentheim o. J.

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