Die Grafschaft Bentheim in der Geschichte

Die Chronik des 2. Weltkrieges in Neuenhaus 

Der Neuenhauser Lehrer Ludwig Sager fertigte während des 2. Weltkrieges Aufzeichnungen zur persönlichen und familiären Erinnerung. Aus diesen Texten entstand ein Beitrag für das Jahrbuch der Heimatvereins 1955, in dem er die letzten Monate des Krieges beschrieb, sowie ein Text im folgenden Jahr 1956, der die Ereignisse der Jahre 1939 bis 1944 festhielt. Hier der vierte Teil über des Jahres 1943 in einer wörtlichen Wiedergabe mit leichten Kürzungen.

1943

31.1.1943: Gestern große Gedenkfeier und Ansprachen; ernste Worte, der totale Krieg erfordere jede Hand. Goebbels: „Es werden Maßnahmen getroffen, die den totalen Krieg auf allen Gebieten organisieren."

Die Sorge schleicht nicht mehr durch die Gassen, sie schreitet vielerorts aufrecht durch die Straßen.

2.2. 1943: Über Stalingrad kam das furchtbare Ende. Im Nahkampf fiel dort General-Leutnant von Hartmann, der uns vor einigen Jahren den großartigen Vortrag über „Wehrerziehung" hielt; ungewiss das Schicksal von Bekannten, Joh. Niehaus und Herm. Peters.

20.2. 1943. Gestern Aufruf zum totalen Krieg, im Sportpalast stimmte die Jugend mit frenetischem Beifall zu. Am 15. war ich bei Specht, am 12. 2. Wilhelm Frantzen bei mir, aus der Bretagne kommend: es tut gut, sich einmal rückhaltlos, ohne Schleier, ohne Illusionen auszusprechen mit Menschen, die den ganzen Ernst der Lage erkennen.

28. 2. 1943: Ein Sonntag mit Sonne, Finkenschlag und Meisenruf: erfreuen wir uns noch wieder daran? Heute sahen und hörten wir das nur.

22. 3. 1943: Friedrich L. schrieb, sein Ältester gefallen, „in der Kraft, in der Jugend dahingerafft".

13.5.1943: Schwere Luftangriffe auf Dortmund und Kassel, und dann hier der Teufelsspuk in den Lüften, besonders in der letzten Nacht. Die Bentheimer Eisenbahn erhält oft Beschuss, am 15. 4. unser Nachbar Rosenthal, Lokführer, dabei schwer verletzt, desgleichen sein Heizer.

16.5.1943: In Afrika ist der Kampf zu Ende. Viele deutsche Soldatengräber. 

21. 5.1943: Heute morgen in aller Frühe im „Urwald" an der Dinkel. Der Bock kam nicht, kam ihm das ferne Grollen und Wummern verdächtig vor? Donner? Sprengungen, Einschläge — heute alles möglich, wie jetzt bei der Zerstörung der Möhnetalsperre.

29.5.1943: Große Papierknappheit, in der Schule nur noch wüstes Heftmaterial. Schiefertafeln nicht aufzutreiben.

4.6.1943: Schwere Angriffe auf Wuppertal. An den Fronten verhältnismäßig Ruhe. Vor dem Sturm? Ober das: Wo geht's los? großes Rätselraten.

13. 6. 1.943: Pfingstmorgen, das einst so „liebliche Fest" kam mit Saatengrün und Blütenpracht. Aber eingeleitet mit furchtbarem Kriegsorgelkonzert. Gleich nach Mitternacht kamen die ersten Bomberwellen, nicht abreißendes Dröhnen, Orgeln. Gen Osten und Süden zog der Spuk — oder kamen andere Pulks schon zurück? Deutsche Jäger dazwischen, Tackern vom M-G., brennende Sterne geisterten durchs nächtliche Blau. Abschüsse. In der Jahnstraße wurden neun gezählt, ich sah ihrer fünf. Als bewegten sie sich auf uns zu, dann herunterschießend wie eine Rakete. Eine feurige Kugel zerspringt. Der Himmel rot, der Horizont leuchtet beim Aufschlag auf, als brenne die Welt.

25. 6.1943: „Krieg im Zwielicht", hieß der Vortrag Goebbels, Leitartikel im „Reich". Alles voller Spannung, und Vermutung: wo geht's wieder los? Im Osten nichts Entscheidendes, Adler und Bär scheinen abgekämpft zu sein. Keiner weiß etwas Gewisses, und jeder will was wissen. Von Erfolgen der U-Boote hört man wenig mehr, die Abwehr holte den Angriff ein. Heute besuchte mich Wilhelm Frantzen, erzählte von der Bretagne, von den Menschen niederdeutscher Art. Brücke möchte er schlagen von Volk zu Volk, den Unfug ausräumen, den das Vorurteil „Erbfeind" anrichtete.

9.7.1943: In Münster und Gladbach ist's schlimm, Verwandte fanden hier Unterkunft. Hunderttausende sind unterwegs.

War in Itterbecker Moor bei Jan Hindrik Sn. in der Moorkate und bei Jan Harm W. Alte Anhänglichkeit von 1906. Wie scharf diese einfachen Leute die Zeit sehen! Ganz so nüchtern wie sie ihre Buchweizenschläge und Torfhaufen sehen; sie beschämen mit ihrem Scharfblick manchen Hochgelehrten.

19. 7.1943. Panzerschlachten zwischen Orel und Belgorod. In Sizilien landeten die Feindmächte.

27. 7. 1943: Benito Mussolini ist am 25. zurückgetreten. — Nächtliche Einflüge. Nun hat's Hamburg schwer getroffen, grauenhaft muss es dort gewesen sein, an die 30 000 Menschen sollen nach der Lüneburger Heide geflüchtet sein.

15. 8. 1943: Im Lande wird die Stimmung schlechter. Viel dienstliche Inanspruchnahme. In der Nacht zum 1. 8. „Landwachtalarm! In Veldhausen alles versammeln!" Los im Dunkeln, Trupps aus allen Gemeinden, angeblich Unruhen in den Gefangenenlagern. Warten, Stunde um Stunde, bei der Gendarmeriestation. 50 - 70 Mann lagerten am Straßenrand, auch in den anderen Orten. Der „Ober" von einem Lager zum andern, keiner wusste, was los war. Die Pfeifen in Brand. Im Morgendämmern schlafende, wandelnde und steife Gestalten. Oft rettete der Humor die Stimmung, um 7 Uhr vorläufig entlassen. — Den 8. Versammlung der Amtswalter in Nordhorn für den ganzen Kreis. Gaupropagandaleiter sucht, was sehr nötig, die Stimmung zu heben. Heute Sonntagvormittag, Tagung der Amtswalter für Volkstumsfragen, Be- handlung und Gefahren der Ostarbeiter. Freitag abends Landwachtstreife. Kontrolle der Landstraßen.

31.8.1943: Ich flüchtete in die Stille der Heide nach Hesingen, um nichts vom Krieg zu hören, und doch in der Ferne, Richtung Küste, Wummern und Bersten wie 1916 in Flandern; selbst dahin verfolgt uns die harte Zeit.

12. 9.1943: Italien bedingungslos kapituliert.

4.10.1943: Höre, dass Willi Meckelnburg und Ludwig Denke gefallen sind.

10. 10. 1943: Der Krieg ist überall. Heute Wagenfahrt durch den goldenen Herbsttag nach dem Hoalboom bei Uelsen, weithin Sonntagsfriede. Dann Motoren, Flieger, anfangs unsichtbar hoch, glitzernde, weiße Vögel. Jäger, Schießen, Einschläge und Donnern.

So auch vorgestern, als ich mit den Schülern in Grasdorf Drogen sammelte. Großangriff der Amerikaner auf Bremen. Luftschlacht über uns in 7000 n Höhe, 60, 70 Flugzeuge. MG-Geknatter, Rauchfahnen, Aufheulen niederstürzender Maschinen, leider deutsche Jäger, drei hier in der Niedergrafschaft, unter anderem Oberst Philipp, der Sieger in 206 Luftschlachten, in Wielen abgestürzt, erkannt am Eichenlaub mit Schwertern.

13.11.1943: Der Krieg geht weiter. Man möchte sich von ihm absetzen, aber es geht nicht. Heute Vormittag während des Unterrichts, das bekannte Heulen in der Luft, anschwellend, immer stärker, heimkehrende Bombengeschwader, hoch unter den Wolken kleine, weiße Vögel mit nachschleppendem Schweif, Kondensstreifen, rotten- und staffelweise. Schnelle Jäger dazwischen, und darüber 10, 20, 30 neue Staffeln. In der Ferne trudelte ein Flugzeug ab, überschlug sich immer wieder. Ängstliche und noch mehr neugierige Gesichter, Mütter zogen ihre Kinder in den Keller. Die Kette riss nicht ab. In Nordhorn fielen Brandbomben, zwei Höfe brannten: Krieg im 20. Jahrhundert.

17. 11. 1943: Es gehen viele Briefe und Karten hin und her, von der Front ins Lehrerhaus und umgekehrt. Oft gleichförmige Zeilen, die gezwungen klingen. Mein Freund Derk, ich nannte ihn Jörn Uhl, schreibt Briefe, richtige Briefe. Er grübelt wie Frenssens Törn vom Uhlenhof und schreibt Verse. — Von Strötkers Hof in Grasdorf fiel der Hoferbe, der mir von der Landwirtschaftsschule in lieber Erinnerung ist, desgleichen Hofste von der Lager Neustadt. - Viel Landwachtdienst, nächtliche Streifen. In der Schule Behelfsunterricht.

2. 12. 1943: Abends gegen 7 Uhr schwere Einflüge, Schießen, heller Feuerschein, dass Häuser und Straßen aus dem Dunkel aufleuchteten. Zwischen 10-11 Uhr kamen die „Häuserblock-Knacker" zurück. Brandbomben fielen zwischen Neuenhaus, Veldhausen und Binnenborg.

8.12. 1943: In der Nacht auf den 4.12. hatte ich Rathauswache, nach Mitternacht anhaltende Einflüge; Dienst verlängerte sich endlos.

16.12. 1943: Wie am 2.12., das gleiche Brausen in der Luft, Abschüsse, dröhnende Aufschläge, dass allenthalben die Scheiben klirrten. Von der Hauptstraße sah ich einen Abschuss, die Munition explodierte in der Luft, gewaltiges Feuerwerk in Richtung Wilsum. In Emlichheim soll's schlimm hergegangen sein.

26.12.1943: Wieder Weihnachten, das fünfte Mal im Kriege, eingeleitet in den frühen Morgenstunden des 24.12. durch höllisches Luftkonzert, Angriffe auf Berlin und Leipzig. „Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen!" Aus dem Geist von Bethlehem kam diese Katastrophe nicht über die Menschen.

Quelle: 

Jahrbuch des Heimatvereins Grafschaft Bentheim 1956, bearbeitet von Georg Kip, Bentheim o. J., S. 108 - 125

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