Die Grafschaft Bentheim in der Geschichte

Die Chronik des 2. Weltkrieges in Neuenhaus 

Der Neuenhauser Lehrer Ludwig Sager fertigte während des 2. Weltkrieges Aufzeichnungen zur persönlichen und familiären Erinnerung. Aus diesen Texten entstand ein Beitrag für das Jahrbuch der Heimatvereins 1955, in dem er die letzten Monate des Krieges beschrieb, sowie ein Text im folgenden Jahr 1956, der die Ereignisse der Jahre 1939 bis 1944 festhielt. Hier der dritte Teil über des Jahres 1942 in einer wörtlichen Wiedergabe mit leichten Kürzungen.

1942

19.1. 1942: Der russische Winter fordert viele Opfer, man hört von zahlreichen Kranken und Verwundeten, von erfrorenen Gliedern.

27.1.1942: Sibirischer Winter schon seit Wochen, vorige Nacht minus 26°. Wir hören von Kältetragödien im Osten.

10. 2. 1942: „Auf ein frohes Wiedersehn! ", so schloss Dietrich v. d. Bosch' letzte Karte — nun liegt auch „Bos-Dietze" in russischer Erde.

10. 3. 1942:  4. März heftiger Schneesturm, am 7. März zogen noch die Schwäne; ab 9. März Tauwetter, heute die ersten Stare. Viele Schiebergeschäfte an der Grenze. Das Gerichtsgefängnis sitzt voller Schwarzhändler, große Erregung überall. Schule: „Kohlenferien".

28. 4. 1942: Ob schon eine Generation es zweimal erlebte, dass die Glocken in den Krieg zogen? Heute wurden sie hier, wie auch anderwärts, abgenommen. Es soll darüber nicht berichtet werden.

Am 24. kam ein Brief an den Sohn zurück mit dem Vermerk: „Andere Anschrift abwarten." Beängstigend das lange Warten.

8.5.1942: Immer noch windig und trocken. Der Roggen steht schlecht. Brot-, Fett- und Fleischrationen schon herabgesetzt: Brot 1500 g die Woche, Fett, Butter: 125 g, Margarine 125 g, Speck: 62 1/2 g.

17.5. 1942: Die Sorge um den Sohn drückt; auch das Rote Kreuz konnte nichts in Erfahrung bringen.

24.6. 1942: Nun hat sich doch der Vorhang ein wenig gehoben, der sich vor dem Rätsel um den Sohn ausbreitete. Am 19. Februar ist er in Eis und Schnee vermisst, ist nachts bei einem Rückzugsgefecht schwer verwundet liegen geblieben, auf keinem Verbandsplatz eingetroffen. Keiner weiß um die letzte Stunde.

In der Nacht zum 20. 6. nach einem Großangriff auf Osnabrück, in Bimolten ein Bomber abgeschossen, 7 Tote. 

5. 7. 1942: Nacht vom 2. auf den 3. 7. Angriffe auf Bremen; Fliegerkämpfe und mehrere Abschüsse beobachtet, leuchtende, fallende Kugeln, die hoch in der Luft zersprangen. Über Bimolten und Hoogstede war's wohl. Brennende Leuchtschirme. Die ganze Nachbarschaft ist dann auf den Beinen, keiner will sich den Feuerzauber am Himmel entgehen lassen.

10. 7.1942: Von der Ostfront kommend, besuchte mich diese Tage ein ehemaliger Schüler, L. E. aus Lage. Er war immer ein frischfröhlicher Junge gewesen. Stockend erzählte er von den Winterkämpfen in Russland. Welch hartes, ernstes Gesicht, wie schmal jetzt der Mund und stechend die Augen, die das Inferno sahen!

27.7.1942: Ein alter Lehrer trägt vieler Leid mit. In Lage Gedächtnisfeier wegen Friedrich Oldegeerts, hörte, dass auch Albert E. gefallen ist, der Bruder des am 10. 7. Genannten.

2. 8. 1942: Seit Tagen geht das Gerücht, der Lehrer Paul Koopmann von unserer Schule sei gefallen. Seine Frau und Kinder neben uns ahnen nichts, es liegt wie ein Alp auf uns.

5. 8. 1942: Nun traf die amtliche Bestätigung ein, Major Koopmann gefallen. Wir tragen es als Freunde und Nachbarn mit.

27.9.1942: Einschränkungen überall. Keine Spirituosen, kein Bier, nur bierfarbige Getränke. Kein Papier, in der Schule fehlen die Hefte. Tee und Kaffee zuweilen im Schwarzhandel über Holland, Tee zuletzt 112 RM, Kaffee das Pfund 70 RM bezahlt. Holländische Freunde kann ich mit Tabak und gelegentlich mit Weißbrot versorgen, seit drei Jahrzehnten war's umgekehrt. Das Preisstoppgesetz bei den zwangsbewirtschafteten Artikeln wie Brot u. a. wirkt sich bestens aus, überhaupt die ganze Verteilung auf Karten, vielfach geringe Mengen, aber sichere.

25. 9. 1942: Ringen um Stalingrad, um jedes Haus, jeden Bunker, ähnlich wie 1916 bei Verdun. - In Feld und Garten Zeit der Reife und Ernte. Die Mutter Erde gibt von ihrer Fülle, wieder füllen sich Keller und Speicher. Im eignen Haushalt spüren wir kaum wirkliche Entbehrungen; wir können noch helfen, wo die Stadt Not leidet.

7.10. 1942: Kommt man wie gestern an einem solchen Spätsommertag nach Wilsum, an einem in der warmen Sonne unter den Eichen liegenden Hof vorbei wie der Schoneveldsche, deucht's mir unwahrscheinlich: gibt's noch solchen Frieden in der Welt? Die Nacht darauf rege Fliegertätigkeit, starke Einflüge, mehrere Abschüsse, im Osten und Westen flammte plötzlich der Himmel auf, starke Explosionen.

21.10.1942: Kämpfe um Ruinen und Betonklötze in Stalingrad. Gerüchte wollen von Waffenstillstandsbedingungen mit den Russen wissen, die bei den Verbündeten vergebens die 2. Front als Entlastung verlangten. Als gefallen gemeldet meine Schüler Gerrit Baals und Marinus Bossemeyer.

1. 11. 1942: Am 22. und 23. 10. 1942 kamen über Tag englische Flieger und beschossen die Bahnhöfe in Ringe und Emlichheim. Es fielen Bomben in Nordhorn und Suddendorf, zum Glück meist Blindgänger. Gehört das auch zur Front?

8. 11. 1942: Optimisten gibt's auch noch. Eine mir bekannte, sesshafte Familie hatte den Plan auszuwandern, um in den besetzten Gebieten, in Shitomir, eine gute Stellung einzunehmen. Ich habe mir den Mund warm geredet, um sie davon abzubringen.

24.12.1942: Wieder Weihnachtsabend, die Glocken läuten. Vom Rundfunk: „O du fröhliche, o du selige, Gnaden bringende Weihnachtszeit!" Da tobt's im Menschen, das Herz begehrt auf und möchte sagen: Alles Hohn! Da spielt ein kleiner Junge, dessen Vater die russische Erde schluckte. Und die Furie rast weiter. Und wie ist's mit der gepriesenen Volksgemeinschaft? Hat sie nicht durch den Kulturkampf dieser Jahre einen unheilbaren Riss erhalten?

31.12.1942: Der Russe greift im Donbogen schwer an. Stalingrad mit der 6. Armee abgeschnitten. Was wird das Jahr 1943 bringen?

Quelle: 

Jahrbuch des Heimatvereins Grafschaft Bentheim 1956, bearbeitet von Georg Kip, Bentheim o. J., S. 108 - 125

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