Die Grafschaft Bentheim in der Geschichte

Die jüdischen Familien in Emlichheim

Die älteste Spur jüdischen Lebens in Emlichheim findet sich im Taufbuch der ev. ref. Gemeinde. 1774 wird "een joodse jongeling, geboortig van Noordhoorn" getauft.  1854 zog die jüdische Familie Danneboom von Veldhausen nach Emlichheim und betrieb hier ein Textil-  und Kolonialwarengeschäft. 1885 ließ sich die Familie jenseits der Grenze in Coevorden nieder. 

Anfang der 1870er Jahre kam Jonas Joel van Coevorden zusammen mit seiner Frau Mientje nach Emlichheim. Nach dem Tod des Ehemannes zog Mientje van Coevorden wieder nach Coevorden zurück (1913). Von ihren Kindern blieb allein ihr Sohn Moses in Emlichheim wohnhaft, der anlässlich seiner Eheschließung zur reformierten Kirche übertrat. Er wurde später Kirchendiener der reformierten Gemeinde und starb 1933. Von seinen elf Kindern wurde offenbar keins vom NS-Regime behelligt. Aus der weit verzweigten Familie van Coevorden in den Niederlanden sind etwa 30 Angehörige in den Vernichtungslagern umgekommen.

1933 gab es in Emlichheim die beiden jüdischen Familien ten Brink und Weinberg. Hartog ten Brink, geboren in Neuenhaus und seine Frau Mietje errichteten 1887  hier ein Wohn- und Geschäftshaus, in dem sie ein Manufakturwarengeschäft betrieben. Zu der Zeit hatten sie fünf Kinder (Louis, Bertha, Julius, Mathilde und Sella) denen noch die Töchter Regina und Rolina folgten. Die Tochter Bertha war verheiratet mit Jacob Zilverberg aus Coevorden und starb 1929. Über das spätere Schicksal des Sohnes Julius  ist nichts bekannt, die Tochter Sella soll nach Bielefeld verzogen und dort zum katholischen Glauben konvertiert sein. Regina heiratete den Anstreicher Samuel Zilverberg aus Coevorden. Das Ehepaar hatte sechs Kinder. Alle Angehörigen dieser Familie sind in Auschwitz und Sobibor ermordet worden.

Familie Louis ten Brink  

Louis ten Brink, nach dem Vornamen seines Vaters "Höttogs Lui" genannt, wohnte mit seiner Mutter Mietje und den Schwestern Regina (bis zur ihrer Heirat) und Mathilde am Bremarkt im Zentrum des Dorfes Emlichheim. Er übernahm schon einige Jahre vor dem Tod des Vaters (1921) das elterliche Geschäft. Der unverheiratete Louis ten Brink hatte als Soldat am Ersten Weltkrieg teilgenommen und gehörte dem Kriegerverein an.

Besonders in den Anfangsjahren fuhr Louis mit dem Fahrrad über Land und bot Textilien und Kurzwaren an. Er war Mitbegründer und Vorstandsmitglied einer Genossenschaft, die ein E-Werk zur Stromerzeugung betrieb. Die Familie ten Brink gehörte zur Nachbarschaft mit allen Rechten und Pflichten, Louis fuhr am Sabbat regelmäßig zur Synagoge nach Neuenhaus. Zu Beginn des Monats Oktober bauten die ten Brinks und die verschwägerten Weinbergs aus Zweigen, Girlanden und Tüchern eine Laube, in der zur Erinnerung an die Wüstenwanderung des jüdischen Volkes das Laubhüttenfest begangen wurde. Die Mutter Mietje starb im Alter von 93 Jahren im Spätsommer 1938.

In der NS-Zeit veränderte sich das Klima des Zusammenlebens merklich. In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 schließlich zerschlugen einheimische und auswärtige SA-Leute die Fenster des Hauses ten Brink und demolierten die Ladeneinrichtung. Über die Ereignisse heißt es in dem Buch "Emlichheim und Umgebung im 3. Reich":

Die völlig überraschten Hausbewohner saßen verschreckt in einem Hinterzimmer des Hauses. Ihr Hund, der die SA-Leute anbellte, wurde kurzerhand erschlagen. ... Am nächsten Tag setzte ein Nachbar, der Maler und Glaser van der Zwaan, die Scheiben zum Selbstkostenpreis wieder ein. Die Nachbarn Assen und Borghorst bezahlten sie. Als ein örtlicher SA-Mann drohte, sie nochmals zu zerschlagen, wies Borghorst darauf hin, dass ihm die Scheiben gehörten. Wer sie zerstöre, bekäme es mit dem Gericht zu tun. Wegen dieser Äußerungen wurde er am nächsten Morgen abgeführt und verhört, aber gegen Abend wieder nach Hause entlassen.

Louis ten Brink und sein Schwager Bernhard Weinberg wurden - vermutlich am 10. November - festgenommen und mit anderen Juden aus der Grafschaft Bentheim in das KZ Sachsenhausen deportiert. Wenig später waren beide jedoch wieder in Emlichheim. Louis soll versucht haben, mit seiner Schwester in Coevorden unterzukommen. Angeblich wurden sie von den dortigen Behörden über die Grenze zurückgeschickt.

Am 3. Januar 1939 kam Louis von einem Meldegang nach Neuenhaus nicht mehr nach Hause zurück. Seinen Leichnam fand man am 18. März in der Vechte bei Gölenkamp. ... Nach der Totenfeier im Hause begleiteten nur ein Rabbi und vermutlich seine Schwester Mathilde den Sarg auf dem Weg zum jüdischen Friedhof in Neuenhaus. ... Niemand fand den Mut ... Louis ten Brink das letzte Geleit zu geben.

Die Schwester Mathilde ten Brink blieb allein zurück, in einem teilweise demolierten Haus ohne eigenes Einkommen. Wenige Wochen später half ihr Albert Diekmann aus Laar mit seinem Motorrad, nach Holland zu fliehen. Über ihr weiteres Schicksal ist nichts bekannt.

Familie Weinberg  

Louis jüngste Schwester Rolina ten Brink schloss am 25.08.1922 mit Bernhard Weinberg die Ehe.  Der Ehemann war 1895 in Düsseldorf geboren. Bernhard und Rolina Weinberg betrieben ebenfalls ein Textilgeschäft, zuerst als Mieter, bevor sie 1929 ein Wohnhaus mit einem kleinen Laden errichteten. Während Rolina das Geschäft versorgte, zog Bernhard Weinberg mit dem Fahrrad über Land, um seine Waren zu verkaufen.

In den Morgenstunden des 10. November 1938 zerschlugen SA-Männer auch am Haus Weinberg fast alle Fensterscheiben. Der Laden wurde geplündert, die Waren in das nahe gelegene Heim der Hitlerjugend am Burhook gebracht. Bernhard Weinberg wurde wie sein Schwager Louis ten Brink verhaftet und in das KZ Sachsenhausen gebracht. Er kam ebenfalls nach einigen Wochen frei.

Mit Hilfe der Nachbarin Aaltien Bennink und des Nachbarn Wilhelm van Eyk gelang es den Eheleuten Weinberg, in die Niederlande zu fliehen. Über die Umstände der Flucht heißt es in dem erwähnten Buch über "Emlichheim und Umgebung im 3. Reich":

Am 12. Mai 1939 fuhr van Eyk mit seinem Geschäftswagen das Ehepaar Weinberg und Frau Bennink in die acht Kilometer entfernte Bauerschaft Heesterkante. Zu Fuß ging es dann durch die Nacht in den Ortsteil Laar-Feld zum Hof Sleefenboom. ... Frau Bennink weckte ihre Bekannte, Frau Gertuida Sleefenboom, die mit den Schleichwegen in Grenznähe bestens vertraut war. Mit ihrer Hilfe geleitete Frau Bennink ihre jüdischen Nachbarn ..(in das) .. holländische Radewijk. 

Jenseits der Grenze hatten Bekannte von Weinberg in einem abgedunkelten Privatwagen bereits auf die Flüchtlinge gewartet. Ein kurzer Händedruck - und der Wagen verschwand im Dunkel der Nacht. ... Frau Bennink fand ihren Nachbarn van Eyk wieder und beide kamen wohlbehalten nach Hause zurück.

Weinbergs erreichten Verwandte in Amsterdam und fuhren weiter nach Brüssel. Von dort aus schreiben sie an Frau Bennink, dass sie voraussichtlich im April 1940 in die USA übersiedeln würden. Das ist offenbar nicht gelungen. Vermutlich sind beide nach dem Einmarsch der Wehrmacht in Belgien im Mai 1940 verhaftet und wie so viele in einem KZ ermordet worden.  Der Besitz in Emlichheim wurde beschlagnahmt und später verkauft. 1966 wurde Frau Bennink von einem Neffen der Weinbergs, Joost Joosten, der im Hause Weinberg eine Lehre absolviert hatte, nach Israel eingeladen. 

Quellen: 

- Emlichheim und Umgebung im 3. Reich, herausgegeben von den Heimatfreunden Emlichheim und Umgebung e. V., 2. Auflage 2005

- Dokumentation "Reichskristallnacht 1938 - Die Juden in der Niedergrafschaft", erstellt von Karl Heinz Meyer und einer Schülergruppe der KGS Neuenhaus im Januar 1980

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