Die Grafschaft Bentheim in der Geschichte

Ein Hitlerjunge erzählt  

Heinz Feldkamp aus Neuenhaus wuchs bei einer Tante in Brandlecht auf, da seine Eltern früh verstorben waren. Als 11jähriger trat er bereits im Mai 1933 in das "Jungvolk" ein. 60 Jahre später berichtet er über die Gründe für diesen Eintritt:

Warum machten wir Jungen und Mädchen damals mit? ... 1933 herrschte noch eine große Arbeitslosigkeit. Lehrstellen waren äußerst knapp, die Not war groß. Darum war der erste Grund mitzumachen: Damit du eine Lehrstelle bekommst.

Der zweite Grund: Um den Schülern den Eintritt schmackhaft zu machen, wurde der Staatsjugendtag eingeführt, d. h. der Samstagvormittag war für Mitglieder des Jungvolks und der Jungmädel schulfrei. Dafür wurde Dienst angesetzt. Die Nichtmitglieder mussten zur Schule. ... Das hat uns natürlich alle sehr gereizt. ...

Unsere Jungvolkführer waren Oberschüler aus Nordhorn, die sich nicht durchsetzen konnten, so dass wir fast den ganzen Vormittag nur Fußball gespielt haben. ... Der dritte Grund heißt also schlicht und einfach: Es machte .. einfach Spaß. ...

Hinzu kamen die Verhältnisse in der kleinen Landgemeinde Brandlecht. Der Ortsgeistliche war deutscher Christ und der Schulleiter ein Deutsch-Nationaler. Und was Pastor und Lehrer sagten, das zählte in einer Landgemeinde.

Bei den Kindern waren 10-Pfennig-Hefte besonders beliebt, in denen ihnen vorwiegend Heldengeschichten aus der deutschen Geschichte, Verherrlichungen von Soldaten und Schlachten, Kämpfe in den Kolonien und auf den Weltmeeren nahe gebracht wurden. In der Schule und in der politischen Schulung im Jungvolk und in der Hitlerjugend wurde immer wieder die Dolchstoßlegende verbreitet, die besagte, im Ersten Weltkrieg sei das deutsche Heer im Felde unbesiegt geblieben, habe aber wegen der mangelnden Unterstützung aus der Heimat kapitulieren müssen. Immer wieder war von der "Schmach von Versailles" die Rede und von der Meuterei der Matrosen in Kiel. 

Heinz Feldkamp wurde 1936 aus der Volksschule entlassen. Er bekam keine Lehrstelle, an den Besuch einer weiterführenden Schule war nicht zu denken, denn das hätte Schulgeld gekostet. Daher meldete er sich zum "Landjahr":

Das Landjahr war meine härteste Schule. Es dauerte von April bis Dezember. .. Ich war im Taunus. Wir waren mit 30, 40 Grafschafter Jungen in einem Lager, zusammen mit 40 aus Oberschlesien, damit wir uns kennen lernen sollten. Wir waren eingeteilt in vier Gruppen, drei Gruppen gingen vormittags zur Feldarbeit auf Bauernhöfe. Eine Gruppe hatte Dienst im Lager, Saubermachen und Küchendienst. ... Was Bettenbau und Sauberkeit und Ordnung anbelangte, war es (später) beim Arbeitsdienst und beim Komiss (Wehrmacht) lange nicht so hart wie im Landjahr.

Im Alter von 14 Jahren traten die Jungen in die "Hitlerjugend" (HJ) ein. Sie war straff organisiert. Zu einer "Kameradschaft" gehörten bis zu 15 Jugendliche, 3 Kameradschaften bildeten eine "Schar", 3 Scharen eine "Gefolgschaft" usw. Jede Einheit wurde von einem "Führer" geleitet. An der Spitze der HJ im Deutschen Reich stand der "Reichsjugendführer". Heinz Feldkamp berichtet von seinen Erfahrungen:

Ich kam im Dezember 1936 zurück und trat dann in die Hitlerjugend ein, automatisch. Mindestens an einem Abend in der Woche war Dienst, entweder Heimabend im HJ-Heim auf dem Neuenhauser Neumarkt. Oder Fußdienst, Geländeübung, gemeinsames Singen mit dem BDM, strenge Erziehung: Deutsche Jungen und Mädchen rauchen nicht, gehen nicht ins Kino bei Jugendverbot, stehen in der Eisenbahn auf, wenn ältere Bürger keinen Platz finden. Die Jungen haben einen kurzen, gepflegten Haarschnitt, die Mädchen benutzen keinen Lippenstift, basta. ... Wenn Wahlen anstanden, marschierten wir durch die Stadt. ...

Ein Höhepunkt meiner HJ-Zeit war die Teilnahme an einem Gebietstreffen der HJ in Bremen. Morgens um 4.00 oder 5.00 Uhr fuhr ein langer Sonderzug der Reichsbahn ... mit den Grafschafter Jungen und Mädeln nach Bremen. Dort trafen sich Zigtausende. Wir marschierten durch die Stadt an dem Reichsjugendführer vorbei, hörten uns eine kämpferische Rede an und kamen spät abends hundemüde wieder nach Hause. ...

Es war was los, man kam raus. Lernte Gleichaltrige, auch aus anderen Schulen und Berufen kennen. Man pflegte Kameradschaft und ... man konnte was werden. Das hieß damals: Rangabzeichen, Kordel, je nach Rang mit Trillerpfeife. Man stand jeweils ein bisschen höher als der Nachbar. Und durfte die "faule Bande" ein wenig fertig machen. Vielleicht wurde man auch wieder befördert. ... Oder wenn man die Fahne tragen durfte. Diese Ehre! ich weiß, dass ich eine Zeitlang Fahnenträger war. Da war ich ganz stolz drauf. Das durfte lange nicht jeder.

Die HJ-Gruppen wurden auch sportlich vormilitärisch gedrillt. Jeder hatte ein Leistungsbuch zu führen, in die die Ergebnisse einzutragen waren: 100-Meter-Lauf, 1000-Meterlauf, Weitsprung oder Keulenwerfen, Ziel- und Marschübungen, Keulenzielwerfen, Schießen mit dem Kleinkalibergewehr, Marschübungen mit Dienstanzug, 10, 15, 20 km in einer bestimmten Zeit, Feststellen der Himmelsrichtung, Marschieren nach der Karte oder nach dem Kompass, Geländekunde, Entfernungen schätzen etc. Bei den Heimabenden oder den sportlichen Übungen wurde immer wieder gesungen, Marschlieder, Fahnenlieder, Landknechtslieder aus dem 30jährigen Krieg, Lieder am Lagerfeuer, Hetzlieder gegen die Juden.

Nach dem Krieg, an dem er als Soldat teilnahm, trat Heinz Feldkamp in die SPD ein und engagierte sich viele Jahre lang in der Neuenhauser und Grafschafter Kommunalpolitik. 

Quelle: 

Hubert Titz, Jugend im Dritten Reich, Ein Neuenhauser Bürger berichtet über seine Erlebnisse im "Jungvolk" und in der "Hitlerjugend", Bentheimer Jahrbuch 1994, S. 171 - 184

zurück