Die Grafschaft Bentheim in der Geschichte

Schulstreik in Vorwald

In der Schulchronik der ehemaligen Volksschule Vorwald findet sich im Januar 1938 eine Eintragung über einen bemerkenswerten Akt des Widerstandes gegen staatliches Handeln: Weil ein evangelischer Lehrer durch einen katholischen Lehrer der Volksschule Laar vertreten wurde, schickten die Eltern an den Tagen, an denen die Vertretungskraft unterrichtete, ihre Kinder nicht zur Schule. Der Text aus der Schulchronik:

Der schon als nervenkrank aus dem Weltkrieg entlassene Lehrer Rieke erlitt im Herbst d.J. einen völligen Nervenzusammenbruch, so dass er nach den Herbstferien den Dienst nicht wieder aufnehmen konnte. Wenn auch von vornherein feststand, dass der Erkrankte längere Zeit zur Gesundung würde gebrauchen müssen, so konnte die Schulaufsichtsbehörde aus Mangel an Lehrkräften doch keinen Vertreter einstellen; daher wurden die beiden Lehrer des Nachbar-Schulverbandes Laar, die Lehrer Spangenmacher (kath) und Leonhardt (evang) ab 12.10.37 mit der Vertretung beauftragt. Herr Sp. unterrichtete an 2, Herr L. an 3 Tagen wöchentlich.

Der Montag war schulfrei, damit der Unterrichtsausfall auf alle Schüler in etwa gleichmäßig verteilt wurde.

Der Umstand, dass an der evang. Volksschule Vorwald nun mangels einer anderen Lehrkraft ein kath. Lehrer unterrichten mußte, erregte die Gemüter in Vorwald und Eschebrügge. Außerdem wünschten die Erziehungsberechtigten in unseren beiden Gemeinden möglichst bald wieder geordnete Schulverhältnisse zu sehen, da schon seit Ostern der Unterricht fühlbar zurückgeblieben war. Eine Abordnung suchte in dieser Angelegenheit den Herrn Schulrat auf und erhielt den Bescheid, dass sehr wahrscheinlich ab 1.1.38 ein neuer Lehrer eingestellt werden würde.

Als aber nach den Weihnachtsferien doch die behelfsmäßige Vertretung weitergeführt wurde, griffen die Eltern gleich zum äußersten Mittel, sie proklamierten den Schulstreik und hielten ihre Kinder an den Tagen vom Unterrichte fern, an denen der katholische Lehrer unterrichtete. (Am 11.1.38 streikten von 64 Kindern 39, am 13.1.38 - 42.) an den übrigen Tagen aber schickten sie die Kinder zum Unterricht. Es war also klar ersichtlich, dass das größte Ärgernis in der Tatsache bestand, dass an der hiesigen Schule ein kath. Lehrer - wenn auch nur aushilfsweise - unterrichtete.

Am 14.1.38 erschien der zuständige Kreisschulrat, auf dessen Veranlassung nachmittags in der Schule eine Versammlung der in frage kommenden Eltern stattfand. In dieser Versammlung ergab sich eindeutig, dass gegen die Person des Lehrers Spangenmacher oder gegen seinen Unterricht nicht die geringsten Einwendungen gemacht wurden, sondern dass eben nur die Tatsache des Wirkens eines kath. Lehrers an einer evang. Schule den Schulstreik verursacht hatte, und das trotzdem der Religionsunterricht von dem evang. Lehrer erteilt wurde.

Nachdem der Herr Kreisschulrat erklärt hatte, dass der Lehrermangel der Grund zur Weiterführung dieser behelfsmäßigen Vertretung sei und dass darum auch vor dem 1.2.38 eine Änderung nicht eintreten könne, sagten die anwesenden Eltern zu, ihre Kinder wieder an allen Schultagen zum Unterricht zu schicken. -

Das sich an den Schulstreik anknüpfende Nachspiel ergab eine polizeiliche Bestrafung der Erziehungsberechtigten mit einer Geldbuße von RM 25,- für jedes unentschuldigte Fehlen (also pro Kind u. Tag; Gesamtsumme rund 2000,- M)-  

Quelle: 

Schulchronik der Volksschule Vorwald

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