In den Heuerlingshäusern lebten Menschen und Tiere in einem Raum, der Boden bestand aus gestampftem Lehm
 

Krankheiten und Hygiene auf dem Lande

 

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Video: Heuerlingsleben

von Helmut Lensing

Angesichts der sehr einfachen Wohnverhältnisse der ländlichen Unterschichten überrascht es nicht, dass es in ländlichen Regionen typische Krankheiten gab. Davon waren nicht ausschließlich, aber vor allem Heuerleute und Kleinbauern sowie die vielfach aus ihren Reihen stammenden Neusiedler in Moor und Heide betroffen.

Schon Jacobi und Ledebur führten 1840 in ihrer Schilderung der primitiven Wohnverhältnisse der Heuerleute an, welche gesundheitliche Folgen ihnen bekannt waren – allerdings nur verschämt in einer Fußnote. Sie beriefen sich dabei auf einen Arzt, der anlässlich einer Epidemie im Amt Iburg bei Osnabrück in die Behausungen der Heuerleute kam. Dieser berichtete: Wo aber die Krankheit eine Familie befiel, da wurden meistens alle Glieder derselben durchgesiechet, wenigstens in den Häusern der Heuerleute, deren beschränkter Raum keine Sonderung, zuweilen selbst nicht die Lüftung der Zimmer gestattete.

Etliche Krankheiten schleppten seinerzeit die Hollandgänger ein, die sie sich während ihrer äußerst strapaziösen Tätigkeit im westlichen Nachbarland zugezogen hatten. In den Niederlanden verdienten sich Heuerleute, Kleinbauern oder Knechte und Mägde als saisonale Wanderarbeiter dringend benötigtes Bargeld.

Sie arbeiteten zum Beispiel als Torfstecher von früh morgens bis spät abends nicht selten in Wasser oder Schlamm stehend im Akkord. Neben der körperlich extrem anstrengenden Arbeit kämpften sie anfangs mit Kälte und Frost, später mit der sengenden Sonne. Dazu kam die ständige Feuchtigkeit der Kleidung bei mangelhafter Hygiene, was Hautkrankheiten begünstigte und auf Dauer zu Rheuma, Gicht und Lungenkrankheiten führte. Das Leben in den heimischen Behausungen war durch Feuchte, Kälte sowie ständigem Rauch beeinträchtigt.

Bronchitische Erkrankungen waren noch in den 1930er Jahren unter Heuerleuten und Kleinbauern weit verbreitet.

Kaum waren die Hollandgänger von der Akkordarbeit im Nachbarland zurückgekehrt, mussten sie schon pflichtgemäß als Erntehelfer bei „ihrem“ Bauern arbeiten. Nach Feierabend wartete dann die eigene kleine Landwirtschaft, die ebenfalls versorgt werden musste. Diese Umstände begünstigten körperlichen Verschleiß und eine rasche Alterung.

Die Schwindsucht wütete gerade unter den Heuerleuten und Kleinstbauern

Die Tuberkulose, oft auch Schwindsucht genannt, konnte von Rindern und durch nicht pasteurisierte (Roh)Milch auf den Menschen übertragen werden. So waren die Bewohner von Heuerlingshäusern, in denen der Wohn- und Stallbereich nicht deutlich getrennt waren, besonders durch Ansteckungen gefährdet, ebenso diejenigen, die die unbehandelte Milch von erkrankten Kühen tranken.

Die Tuberkulose brach besonders bei Menschen aus, deren Immunsystem etwa durch Krankheiten oder Nahrungsmangel geschwächt war oder die genetisch anfällig waren. Im fortgeschrittenen Stadium stellte sich bei der offenen Tuberkulose ein infektiöser blutiger Auswurf in Begleitung von Atemlosigkeit selbst bei leichten Belastungen ein. Dazu gesellte sich nächtliches Schwitzen und ständiger Gewichtsverlust. Weil es gegen diese Infektion lange keine wirksamen Medikamente gab, „schwanden“ die so Erkrankten unaufhaltsam dahin.

Allerdings wiesen die beiden Berliner Mediziner Dr. Franz Redeker und Dr. Gerhard Demohn nach, dass nicht die dafür zuvor verantwortlich gemachten Butzen an sich für die hohe Tuberkuloseerkrankungsrate bei Heuerlingen verantwortlich war, sondern deren Überbelegung bei nicht vorhandener Lüftung und mangelnder Reinigung, was zur Infizierung ganzer Familien führte.

Die gesundheitliche Situation der Frauen

Wenn der Ehemann in Holland tätig war, hatte seine Frau bei allen anfallenden Arbeiten beim Bauern für ihn einzuspringen. Zudem musste sie die eigene kleine Landwirtschaft in Schwung halten und sich um die Kinder kümmern. Verschleißerkrankungen durch Überforderung waren daher auch bei Frauen üblich, überdies Atemwegsprobleme wegen des langwierigen Kochens über dem stetig qualmenden offenen Herdfeuer, wobei Rußpartikel in die Lunge gelangten.

Da auf Schwangerschaften keine Rücksicht genommen wurde, war die Zahl der Früh- und Totgeburten hoch. Im Umfeld von Schwangerschaft und Geburt kam es häufig zu Komplikationen, zumal ausgebildete Ärzte oder Hebammen nur selten zur Verfügung standen. Die Schonfrist für Frauen nach der Niederkunft war sehr kurz; die Sterblichkeit unter Kleinkindern und Gebärdenden entsprechend hoch.

Eine typische Krankheit war das Kindbettfieber, an dem viele Frauen in der Phase nach der Geburt insbesondere aufgrund der mangelhaften hygienischen Verhältnisse erkrankten und das häufig zum Tode führte. Diese Krankheit trat in den beengten Heuerlingshäusern deutlich häufiger auf als auf den Bauernhöfen. Da die Heuerlingsfrauen hart arbeiten mussten, versiegte bei ihnen nach der Geburt schnell die Milch. Dann erhielten die Säuglinge Kuhmilch. Wenn der Rindviehbestand mit Tuberkulose durchseucht war, führte dies gleich zur Infizierung des Säuglings.

Flöhe verursachen Entwicklungsrückstände bei Kindern

Die Mediziner Redeker und Demohn machten 1936 auf eine inzwischen in Vergessenheit geratene Besonderheit aufmerksam, die mit den Schlafstellen der ländlichen Unterschichten des Nordwestens zu tun hatte. Im Stroh, mit dem die Butzen und sonstigen Schlafgelegenheiten der Heuerlinge aus Geldmangel häufig ausgelegt waren, nisteten oft Flöhe. Im Gegensatz zu Läusen verursachen deren Stiche kein Jucken. Bei Untersuchungen von Schulkindern mit Flohstichen stellten beide fest, dass diese zwischen 100 und 3000 Stiche pro Nacht erhielten. Die Folge des ständigen Blutverlusts war eine große Blässe der betroffenen Kinder, Teilnahmslosigkeit und allgemeine geistige und körperliche Hemmung.

Unhygienische Verhältnisse förderten Krankheiten

Daneben förderten weitere weit verbreitete Gewohnheiten beim Bau der Hofanlagen die Ausbreitung von Krankheiten, etwa die Anlage der Toiletten. Das Trinkwasser war oft stark belastet. In der Regel wurde es aus den Brunnen des Hofes geholt. Dr. August Walbaum aus Scheßel schilderte es so: (Sie sind) oft geradezu inmitten von Düngerhaufen und Pfützen angelegt oder grenzen dicht an die Viehställe! Soll ich erwähnen, dass ein großer Teil der Abwässer aus der Küche und die Dejektionen [Ausscheidungen] von Menschen und Vieh oft direkt in unmittelbare Nähe dieses Brunnen hinaus befördert werden?

Der Rauch der offenen Herdfeuer trug zu Atemwegserkrankungen bei
Ein Brunnen auf einem Heuerlingshof in Grafeld/Kreis Bersenbrück, daneben der Misthaufen - Bilder: Redeker/Demohn
 
Die Grafschaft Bentheim in der Geschichte
Quellen: - Jacobi, C./Ledebur, A.: Ueber die Verhältnisse der Heuerleute im Osnabrückschen nebst Vorschlägen für deren Verbesserung. Bearbeitet mit Rücksicht auf die Verhandlungen des Local-Gewerbe-Vereins im Amte Grönenberg durch den Vorstand desselben, Melle/Osnabrück 1840, S. 7-9.
- Redeker, (Franz)/Demohn, (Gerhard), Hygienische Untersuchungen im Emsland (Veröffentlichungen aus dem Gebiete des Volksgesundheitsdienstes, Bd. 47, H. 3), Berlin 1936.

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