Die Inflation nach dem Ersten Weltkrieg in der Grafschaft Bentheim

 

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Die Inflation - LEMO   

Als die Mark vernichtet wurde - SPIEGEL ONLINE

von Helmut Lensing

Bereits während der Jahre des Ersten Weltkriegs setzte im Deutschen Reich eine stetige Preissteigerung ein. Deutschland war vom Welthandel abgeschnitten und der Krieg verschlang ungeheure Geldmengen. Dann verlor Deutschland den Krieg – und anstatt wie erwartet Geld von den Kriegsgegnern zur Begleichung der horrenden Kosten zu bekommen, hatte das Reich selbst Reparationen zu zahlen.

Deshalb mussten hohe Steuern eingezogen werden und Sachgüter wie Schiffe, Eisenbahnen, Kohle oder Bauholz waren abzuliefern. Viele Güter wurden nun knapp und teuer. Um die Staatsschulden zu bezahlen wurde immer wieder die Notenpresse angeworfen. De Inflation stieg stetig und das hatte sofort deutliche Auswirkungen auf das Alltagsleben.

Schon im Januar 1919 versuchte der Arbeiter-Rat Nordhorn die Preissteigerungen in den Griff zu bekommen. So hieß es am 25. Januar in der „Zeitung und Anzeigeblatt“: „In seiner letzten Sitzung beschäftigte sich der A-Rat u.a. eingehend mit den Preisen für Holzschuhe. Die dafür bisher geltenden Preise waren so hoch, dass die arbeitende Bevölkerung darüber sehr klagte. Der A-Rat ist daraufhin bei den Herstellern vorstellig geworden und hat diese bereit befunden, die Preise wesentlich zu ermäßigen. Die jetzt für Groß-Nordhorn geltenden Holzschuhhöchstpreise werden demnächst veröffentlicht. Der Höchstpreis für Pferdefleisch ist auf 1,50 Mark das Pfund festgelegt worden“. Letztlich half dies nur vorübergehend. Die Inflation war so nicht aufzuhalten.

Zunächst beflügelte sie den Grenzhandel mit den Niederlanden. Die Grafschafter wollten ihr Geld möglichst schnell gegen wertbeständige Sachgüter eintauschen, da Geld auf der Bank wie in der Brieftasche nur seinen Wert verlor.

In den Niederlanden gab es viele Dinge, die in Deutschland, wo sich die Wirtschaft erst noch mühsam auf die Friedensbedürfnisse umstellen musste, kaum zu kaufen gab. Nicht alle grenzüberschreitenden Geschäfte waren indes legal. So war am 31. Mai 1920 in der „Zeitung und Anzeigeblatt“ zu lesen: „Eine neue Art des Grenzhandels ist im Schwange. Den holländischen Kaufleuten ist es gestattet worden, in Holland freigegebene Waren als z. B. Brot, Zwieback, Kaffee, Tee, Tabak usw. an der Grenze feilzuhalten.

Und da von deutscher Seite her in der Form des sog. kleinen Grenzverkehrs gegen die Einfuhr geringer Mengen dieser Waren nichts eingewendet wird, hat sich in den letzten Tagen ein lebhafter Handelsverkehr an der Grenze entwickelt. Trotzdem daß die deutsche Valuta [Währung] bedeutend besser geworden ist, sind die Waren zwar noch recht teuer – aber das scheint kein allzu großer Hinderungsgrund zu sein.

Es wurde uns von verschiedenen Seiten versichert, daß an den Tagen, wo holländische Kaufleute sich mit ihren Wagen an der Grenze befanden, Hunderte von Grafschaftern dorthin geeilt sind und gekauft haben, was das Herz begehrt.

Daß Brot und Zwieback und derlei Herrlichkeiten, die hier nicht oder augenblicklich nur in nicht besonderer Güte zu haben sind, an der Grenze gekauft werden, kann man sehr wohl verstehen. Aber die Kaufenden sollten solche Waren, wie Tee und Kaffee, die ebenso gut und sicher nichts teurer in heimischen Geschäften zu haben sind, nicht vom Holländer, sondern diesseits der Grenze kaufen.

Zu verwerfen ist unter allen Umständen auch der Warentauschhandel, wie er schnell eingerissen ist und der vor allem mit Eiern betrieben wird! Dagegen muß deutscherseits vorgegangen werden. Irgendwelche Lebensmittel auszuführen, können wir uns doch wahrlich nicht gestatten. Die Kauflustigen, die im Tausch den Holländern deutsche Eier liefern, machen sich selbstverständlich strafbar, und es steht zu hoffen, daß dieser Unfug nicht weiter einreißt; denn sonst müsste von unseren Grenzbeamten dem Lebensmittelhandel an der Grenze doch ein wenig schärfer auf die Finger gesehen werden“.

Am 15. Oktober 1921 klagte die Neuenhauser „Zeitung und Anzeigeblatt“ über die sich immer weiter hochschraubende Spirale von Preis- und Lohnerhöhungen: „Die wachsende Teuerung beherrscht in den letzten Wochen so sehr die Gemüter, daß sich kaum zwei oder drei Menschen zusammenfinden, die nicht im nächsten Augenblick dies Thema nach allen Seiten hin mehr oder weniger gründlich erörtern. Freilich wohl immer mit demselben Schlussrefrain: Es ist furchtbar, aber anscheinend unabänderlich!

Wie zu erwarten war , ... hat die Teuerungswelle zu einer Erhöhung der Löhne und Gehälter in fast allen Berufszweigen geführt, damit beginnt wiederum die Erhöhung der Ware und in der Folge wieder das Einsetzen einer abermaligen Teuerungswelle mit über kurz oder lang denselben Erscheinungen. Löhne und Gehälter reichen nicht mehr aus; sie müssen heraufgesetzt werden. Die Lohn und Gehalt zahlenden Unternehmer erhöhen wiederum die Preise usw. usw.

Wo soll’s hinaus? Aber was will man machen! Einstweilen muß jeder sehen, notgedrungen, wie er sich mit den schwierigen Zeitumständen abfindet. Der Entwertung unserer Mark muß eine vermehrte Einnahme gegenüberstehen, wenn der Einzelne in der Lage sein soll, die Kosten seiner Lebenshaltung auch nur einigermaßen aufzubringen. Das ist für alle nicht sehr einfach; die freien Berufe können sich eine vermehrte Einnahme naturgemäß leichter schaffen als die Fest-Angestellten, wenigstens in der Theorie.

Man braucht ja nur einfach die Preise erhöhen! So sagt man, aber doch stimmt das nicht immer; denn man muß dann auch die Käufer finden, deren Zahl mit den ständig anziehenden Preisen aber durchaus nicht immer Schritt hält. Manche Unternehmen sind aber auch gar nicht in der Lage, ihre Mehr-Ausgaben nun auch unmittelbar durch Erhöhungen wieder hereinzubringen“.

Auch die Kommunen litten unter Geldnot. Um Einnahmen zu erhalten, griffen sie zu unpopulären Maßnahmen, wie folgender Protestartikel der Neuenhauser „Zeitung und Anzeigeblatt“ vom 6. Januar 1921 gegen einen Beschluss des Neuenhauser Stadtparlaments zeigt, der ähnlich von anderen Gemeindeorganen der Region getroffen wurde: „Die städt. Kollegien wurden in ihrer letzten Sitzung durch einen aus den Reihen der Bürgervorsteher kommenden Antrag, die Bäume am Veldhauser Weg zwischen Bahnübergang und Pottgrabenbrücke zum Verkauf zu bringen, überrascht. Der Antrag fand u. E. überstürzte Annahme. Hoffentlich wird er aber nicht zur Durchführung kommen. Schon macht sich in der Bürgerschaft lebhafter Unwille gegen den Abschlag der Baumreihen geltend, und wir halten es für unsere Pflicht, uns zum Sprachrohr des entschiedenen Protestes zu machen.

Ist es nicht genug damit, daß Neuenhaus durch die Fällung der prächtigen Walleschen einer Hauptzierde beraubt ist. Sollen nun auch die Bäume an der Bahnhofstraße demselben Schicksal verfallen. Man sagt, sie würden über kurz oder lang eingehen. Gut, mögen sie! Ersetze man dann jeden eingegangenen Baum sofort durch einen neuen, aber vermeide man den völligen Abschlag, der den Eingang in die Stadt entsetzlich kahl und öde machen wird.

Nehmt unserem schönen und gerade durch seine Baumpflanzungen charakteristischen Landstädtchen nicht jeden Reiz – einiger weniger tausend Papiermark wegen! Heimatliebe und Schönheitssinn müssen sich gegen den neuen Angriff auf unsern Baumbestand gleichermaßen zur Wehr setzen, und es wird hoffentlich so viel Proteste gegen diesen Beschluß der städt. Vertretung regnen, daß er in der nächsten Sitzung einer Revision unterzogen wird“.

Niederländischer Inflationstourismus

Die stetig steigenden Preise, also der Verfall der deutschen Währung, lockte Niederländer ins Land, die mit ihren Gulden eine wertbeständige Währung besaßen. Die „Zeitung und Anzeigeblatt“ berichtete am 10. Oktober 1921: „Die Ueberflutung mit Holländern drückt unserem Grafschafter Geschäftsleben zurzeit den Stempel auf. Nicht allein der Tiefstand der Mark bewirkt den massenhaften Besuch unserer Grenzstädte, sondern zum Teil ist er darauf zurückzuführen, daß es den Niederländern, die sich nur im Besitz einer Durchlaßkarte befinden, verwehrt wird, damit weit ins Innere des Landes zu fahren. Bisher hatten sie diese Gepflogenheit.

Hatten sie erst die Grenzkontrolle passiert, so reisten sie lustig nach Osnabrück und Münster, ja nach Berlin und weiter. Diese Ueberschreitung der Einreiseerlaubnis auf Grund der Durchlaßkarte ist jetzt ein Riegel vorgeschoben, indem das Hauptzollamt angeordnet hat, daß Holländer auf Durchlaßkarte nur bis zu gewissen Punkten des Grenzgebiets sich bewegen dürfen. Endpunkte sind für den hiesigen Bezirk beispielsweise Neuenhaus und Nordhorn, und daher ist es kein Wunder, wenn diese Ortschaften von kauflustigen Holländerinnen und Mynheers überflutet werden, die für teure Gulden billige Marken kaufen und die nach unsern Begriffen teuerste Waren für ein Butterbrot erstehen.

Die riesige Kaufkraft der Fremden läßt bei dem hiesigen kaufenden Publikum die schlimmsten Befürchtungen auftauchen. Ohnehin sind unsere Preise hier stets von der Nähe der Grenze ungünstig beeinflußt gewesen, und man fürchtet, daß die Waren nun noch viel teurer werden. Ganz von der Hand weisen lassen sich diese Ahnungen nicht. Räumt heute der Kaufmann durch die Massennachfrage sein Lager schnell und kauft er jetzt neu ein, so wird er fraglos höhere Preise anlegen müssen als noch vor einigen Monaten, und die Verteuerung ist da“.

Die Arbeiter reagierten auf die ständig steigenden Preis mit Forderungen nach Lohnerhöhungen, um über die Runden zu kommen, notfalls begleitet von Streiks.

Da die deutsche Währung immer mehr an Wert verlor, war ausländisches und wertbeständiges Geld hoch begehrt, denn Sparen und Geld ansammeln für große Anschaffungen oder für das Alter war in diesen Inflationsjahren mit der deutschen Mark nicht möglich.

In der Grafschaft lechzte alles nach holländischen Gulden. Dies veranlasste den Veldhauser Lyriker Carl van der Linde 1923 zu folgendem Gedicht, das am 29. September 1923 in der „Zeitung und Anzeigeblatt“ zu lesen war:

 

Wu steht de Güllen?

All s’monnens froh by’t Koffiedrinken   /    Kump nysgierig de Noaber an:   /   „Wu geht’t? All wacker? Häi gut sloapen?“   /   „Joa, gut!“ – Wat frogg de Noaber dann?   /   „Wu steht de Güllen?“
  

En goah wy dann is noa de Acker,   /   Kump dor nen Swienekoapmann her,   /   De froagt wy noa de Swieneprise,   /   En wat froagt wy em foort noch mehr?   /   „Wu steht de Güllen?“

   

Schickt wy dann an tot Middagetten,   /   Vörby is effen dat Gebett,   /   Kann Opa sick all nich mehr hollen,   /   Frogg, in de Hand den Leppel Fett:   /   „Wu steht de Güllen?“

    

Noamiddags kump ut Stadt Kathrine,   /   Wat Botter gelt, vertelld se slau.   /   „Soa, dürer wer?“, segg Moder bliede,   /   „Men dann vertell’ my ok is gau: /„Wu steht de Güllen?“


By’t Melken roop’t sick to de Wichter,   /   De Knechte, de by’t Foaren stoaht,   /   In Dorp en Stadt, ok up de Markte,   /   De Kinder, de noa Schole goaht:   /   „Wu steht de Güllen?“

   

En wenn men’t ok mag gar nich hören,   /   Du moß! Of wandels du, of siß,   /   Et summt en brummt dy in de Ohren,   /   Bedröwet dat Gefroage is:   /   „Wu steht de Güllen?“

 

Die Grafschaft Bentheim in der Geschichte

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