Die Grafschaft Bentheim in der Geschichte

Die Revolution 1918/19 und die Kirchen

von Helmut Lensing

Die Presseberichte über die Kulturpolitik des neuen preußischen Kultusminister Adolf Hoffmann, eines Mitglieds der USPD, der sich durch atheistische und antichristliche Schriften und Reden einen Namen (10-Gebote-Hoffmann) gemacht hatte, erregten den Widerstand der Bewohner der Region Emsland/Grafschaft Bentheim.

So untersagte Hoffmann am 29. November das Schulgebet und Schulfeste mit religiösem Inhalt, wovon zunächst selbst die bevorstehenden Weihnachtsfeiern betroffen waren, und hob den Religionsunterricht als Pflichtschulfach auf. Schon am 27. November hatte er die geistliche Ortsschulaufsicht beendet.

Hoffmann machte keinen Hehl daraus, im Verhältnis von Staat und Kirche bereits vor dem Zusammentritt der Nationalversammlung vollendete Tatsachen herstellen zu wollen und etwa die Konfessionsschulen abzuschaffen.

Gleichzeitig wurden im linken Lager lautstarke Forderungen nach einer Umgestaltung etwa der Ehe- und Familiengesetze im sozialistischen Sinne erhoben. Es wurde auch gefordert, die Kirchen komplett aus der Öffentlichkeit zu verdrängen, sie finanziell auszuhungern und Orden und Klöster aufzulösen.

Die SPD, mit Konrad Haenisch gleichfalls im Kultusministerium vertreten, versuchte, Hoffmann zu bremsen und distanzierte sich zunehmend von ihm.

Durch Hoffmanns Ernennung zum preußischen Kultusminister, dessen erste Amtshandlungen sowie Dekrete und Forderungen mit ähnlicher Tendenz, die von Arbeiter und Soldaten-Räten etwa in Braunschweig, Sachsen oder Hamburg erlassen wurden, sah sich die katholische Bevölkerung in der Anfangsphase eines neuen Kulturkampfs.

Dies schlug sich in den Schlagzeilen führender Zentrumsorgane im Reich nieder, womit man gleichzeitig die Abwehrhaltung in der katholischen Bevölkerung verstärkte. Auch in den emsländischen Zeitungen fanden sich ständig Berichte über Proteste von Personen oder Institutionen gegen die Politik Hoffmanns und einiger noch radikalerer Räte.

Im Meppener „Katholischen Volksboten“ vom 1. Dezember 1918 war zu lesen:

„Mag man heute sagen, die Trennung von Staat und Kirche ist noch nicht beschlossen, sie liegt aber im Plane und nur, um nicht weitere Massen kopfscheu zu machen, wird man vielleicht ein langsames Tempo betreiben. Ebenso steht es mit der Entchristlichung der Schule, das will man, das wird man tun, sobald man die Macht hat. Deutlich genug hat man uns das gesagt. Deshalb ist es an uns, zu sorgen, daß diese Macht in Deutschland nicht aufkommt“.

Dies mobilisierte die durchweg stark kirchengebundene Bevölkerung des katholischen Emslandes. Auch in der reformierten Grafschaft Bentheim gab es Bestrebungen, sich der neuen Revolutionsregierung entgegenzustellen.

Der Veldhauser altreformierte Pastor und Schriftleiter Egbert Kolthoff schrieb in der altreformierten Kirchenzeitung „Der Grenzbote“ am 14. Dezember 1918:

„Was schon seit längerer Zeit ab und zu in unserem Blatt berührt wurde, ist nun in greifbare Nähe gerückt: die Entchristlichung der Schule. Noch ist alles im Werden, aber lange wird es nicht mehr dauern, bis das Wort Gottes aus den Schulen verbannt und der ganze Unterricht von den revolutionären Grundsätzen aus erteilt wird … Es gibt solche, die der Meinung sind, der Religionsunterricht könne einfach in der Katechisation erteilt werden und für die übrigen Lehrfächer wäre es von keinem Belang, in welchem Geiste sie betrieben würden. Das ist ein Irrtum. Gleichwie das Salz die Speisen durchdringen muß, um sie gesund und schmackhaft zu machen, so muß das Wort Gottes den ganzen Unterricht durchringen … Das Bestreben der herrschenden Kreise wird dahin gehen, eine Einheitsschule für die ganze Jugend des Volkes einzurichten. Darum werden die Gläubigen sich zum geistlichen Kampf rüsten müssen“.

Die Grafschafter reformierte Klassis beurteilte die politische Lage ähnlich und erließ daher zur anstehenden Wahl der Weimarer Nationalversammlung zum ersten und einzigen Mal während der Weimarer Republik einen am 11. Januar 1919 in der Neuenhauser „Zeitung und Anzeigeblatt“ veröffentlichten Wahlaufruf:

„Von dem Ausfall derselben hängt die Zukunft unseres Volkes ab auf lange Zeit. Gefährdet ist der äußere Bestand unserer evangelischen Kirche, bedroht die Erziehung unserer Jugend in christlichem Geiste. Darum bleibe keiner zurück – vor allem gilt das den Frauen – aus Bequemlichkeit oder falschen Gewissensbedenken etwa darum, weil die Wahl auf einen Sonntag fällt. Gebt eure Stimme nur solchen Männern, die eintreten für geordnete Zustände in Volk und Land, für die Erhaltung unserer Kirche und für die christliche Unterweisung der heranwachsenden Jugend“.

Nach dem Vorbild der 1879 gegründeten streng calvinistischen „Antirevolutionären Partei“ der Niederlande entstand Anfang 1919 im Bentheimer Land der „Antirevolutionäre Verein“’. Dazu berichtete später ein altreformiertes Kirchenratsmitglied aus Veldhausen:

„Die politische Richtung spiegelt sich wieder in dem Programm der Antirevolutionären Partei Hollands … Nach dem Kriege sind Vertreter der altreformierten Gemeinden, darunter auch ich, in Emlichheim unter dem Vorsitz des damaligen Ortspastors dort zusammen gewesen, um uns politisch neu zu orientieren. Das Programm der Antirevolutionären Partei Hollands ist damals von Pastor Kolthoff, Veldhausen, übersetzt und haben sich die Gemeinden eigens zu einem Antirevolutionären Verein zusammengeschlossen. Um aber bei etwaigen Wahlen einheitlich vorzugehen, wurde damals von Holland Weisung erteilt, die „Demokraten“ zu wählen. Diese Weisung ist damals geschlossen befolgt“ worden.

Mit den "Demokraten" war die Deutsche Demokratische Partei gemeint, die bei der Wahl zur Nationalversammlung 1919 stärkste politische Kraft in der Grafschaft wurde. Sie erhielt hier 45 % der Stimmen.

Zwar zog die Revolutionsregierung die meisten Verordnungen Hoffmanns schnell wieder zurück und der Kultusminister verlor sein Amt; die Gegnerschaft der Reformierten gegen eine linke Regierung blieb jedoch bestehen.

Bild: Neuenhauser Zeitung und Anzeigeblatt" vom 19. Januar 1919

Quellen:

- „Katholischer Volksbote“ (Meppen) vom 1. Dezember 1918

- „Der Grenzbote“ vom 14. Dezember 1918.

- Neuenhauser „Zeitung und Anzeigeblatt" vom 11. Januar 1919

- Archiv der Altreformierten Kirche in Wilsum: Akte NS-Zeit: Brief von L.B. vom 23.02.1936 an den Landrat

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