Die Grafschaft Bentheim in der Geschichte

Arbeiter- und Soldatenräte in der Grafschaft Bentheim

von Helmut Lensing

Durch die Textilindustrie in Nordhorn, Schüttorf, Gildehaus und Bentheim war eine zahlenmäßig bedeutende Arbeiterschaft in der Grafschaft entstanden. Während des Ersten Weltkriegs blieb es in dieser Arbeiterschaft trotz allen Mangels ruhig.

Vor dem Krieg gab es im gesamten Landkreis kaum SPD-Anhänger, die Wählerzahlen der SPD wiesen sie im Landkreis als Splitterpartei aus. Sofern Arbeiter organisiert waren, gehörten die meisten der christlichen Gewerkschaftsbewegung an. Nur in Nordhorn existierte eine kleine Ortsgruppe des sozialistischen Deutschen Textilarbeiter-Verbandes.

Beide Gruppen litten vor dem Krieg unter Repressionen der Fabrikanten, die eine gewerkschaftliche Organisierung ihrer Arbeiterschaft nicht wünschten. Eine sozialistisch-kommunistische Haltung zugunsten eines Umsturzes der bestehenden Wirtschaftsordnung war infolgedessen von den Grafschafter Arbeiterschaft nicht zu erwarten.

Wie viele Männer, so waren auch die Grafschafter Gewerkschaftsführer im Krieg eingezogen worden. Das gewerkschaftliche Leben ruhte. Ab 1916 wurde die Grenze zu den Niederlanden zunehmend militärisch befestigt und gesichert. Soldaten, zumeist ältere Jahrgänge, wurden in Schüttorf, Bentheim, Nordhorn, Neuenhaus, um Uelsen und in Emlichheim stationiert.

Aber erst, nachdem sich anderswo längst die Arbeiter- und Soldatenräte gebildet hatten, erreichte die revolutionäre Bewegung die Grafschaft. Dabei ergriffen hier stationierte Soldaten die Initiative.

Einen Tag nach der Abdankung des Kaisers, am 10. November 1918, trafen sich die Mitglieder der Garnison Schüttorf und wählten einen siebenköpfigen Soldatenrat. Dieser übernahm umgehend die Kontrolle der militärischen Obliegenheiten und die Verantwortung für die Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung. Weitreichende politische Forderungen erhob er nicht. Am Tag darauf versammelte sich die Schüttorfer Arbeiterschaft und wählte einen Arbeiterrat, der am 12. November den Buchdruckereibesitzer Robert Neumann-Hofer zum Vorsitzenden wählte.

Der Journalist Neumann-Hofer war um die Jahrhundertwende als Anhänger des protestantisch geprägten Nationalsozialen Vereins in die Stadt gekommen und hatte sich sehr für die Arbeiterschaft eingesetzt. Dies setzte er fort, nachdem sich diese sozial engagierte Partei mangels Erfolgs bei den Wahlen schließlich 1903 auflöste.

Noch am 12. November konstituierte sich der Arbeiter- und Soldatenrat Schüttorf und erließ einen Aufruf für die Öffentlichkeit, mit der er „unter Zustimmung der einschlägigen Behörden die Leitung der öffentlichen Angelegenheiten“ übernahm. Um die Ruhe und Ordnung in der Stadt zu gewährleisten, verkündete der Rat 14 Punkte, die sich vor allem mit einer Verbesserung der Lage der Soldaten und mit Maßnahmen zur Wahrung von Ruhe und Ordnung beschäftigten.

In Neuenhaus (- am 12. November -) und in Emlichheim bildeten sich weitere Soldatenräte, die gleichfalls keine politischen Forderungen erhoben, sondern lediglich konkrete Beschwerden der Soldaten vor Ort zu beheben suchten.

In Bentheim, wo der General der Grenztruppen Quartier genommen hatte, bildete sich am 10. November ein Soldatenrat. Die Arbeiterschaft verzichtete nach einigen Diskussionen auf die Bildung eines Arbeiterrats, sondern schuf 1919 lediglich einen Ausschuss, um bei den anstehenden Kommunalwahlen im Frühjahr eine bessere Vertretung der Arbeiterinteressen zu erreichen. Der Bentheimer Vorsitzende des Soldatenrats warb – solange er noch in Bentheim weilte – auf Versammlungen für die SPD.

Aufruf in der Bentheimer Zeitung vom 13. November 1918

Der erste Soldatenrat im Landkreis bildete sich jedoch bereits am 8. November in Nordhorn. Die Frensdorfer Schulchronik überliefert vom Beginn der Revolution in der Textilarbeiterstadt: Ein Transport Soldaten ... war in Schüttorf angehalten und zurück nach Nordhorn gesandt worden. Mit der roten Fahne auf dem Wagen trafen diese Truppen hier wieder ein. Einige Weiber, die zufällig am Bahnhofe standen, begrüßten die zurückkehrenden und mit der roten Fahne versehenen Truppen mit großer Freude: „So mot kuomen! Dann wät et woll bätter wärn!“ Die nächsten Tage verliefen dann sehr ruhig“.

Erst am 16. November 1918, acht Tage nach der Etablierung eines Soldatenrats, erschien die Arbeiterschaft als politisch handelndes Subjekt auf der Bühne. Sie wollte jetzt kommunalpolitisch vertreten sein und verlangte ferner den Zusammenschluss von Nordhorn mit den industriell geprägten Umlandgemeinden zu einem Einheitsgemeinde Groß-Nordhorn.

Die erste einberufene Arbeiterversammlung war überfüllt und verlief chaotisch. Sie wählte einen 16köpfigen Arbeiterrat. Die Arbeiterschaft verlangte die Entlassung der holländischen Kollegen, um Platz für die heimkehrenden Soldaten zu schaffen. Sie erhob heftige Vorwürfe gegen die Geschäftsleute, die überhöhte Preise für Lebensmittel nähmen, und forderte eine Besserung der mangelhaften Kohleversorgung.

Beim anschließenden Demonstrationszug unter einer roten Fahne sang die Nordhorner Arbeiterschaft lauthals Kampflieder – allerdings solche wie das kaiserliche „Stolz weht die Fahne schwarz-weiß-rot“, wie der erstaunte lokale Berichterstatter überliefert. Dies ist ein deutliches Zeichen dafür, wie gering der Einfluss der Sozialdemokratie hier bislang war.

Der Arbeiterrat schloss sich umgehend mit dem Soldatenrat zum Arbeiter- und Soldatenrat Groß-Nordhorn zusammen. Neben der Sicherung von Ruhe und Ordnung beschäftige er sich mit der Schaffung von Arbeit für die rückkehrenden Soldaten und – wie übrigen Grafschafter Räte auch – mit der Verbesserung der Versorgungslage der Bevölkerung, die immer wieder mit Protesten und Demonstrationen bis weit in das Frühjahr 1919 auf den Hunger, fehlende Arbeit in den Fabriken und dem Mangel an vielen Alltagsgütern aufmerksam machte.

In Nordhorn, wo SPD- und Zentrumsleute, aber auch vereinzelte USPD-Anhänger, in den Arbeiterrat gewählt worden waren, regte sich im Bürgertum schnell Unmut darüber, dass es dort nicht politisch vertreten war. So rückten bald bürgerliche Vertreter wie der Altendorfer Rektor Heinrich Specht in den AuS-Rat ein. Sie übernahmen mit dem Nordhorner Journalisten und Verlagsbesitzer Georg Kip sogar den Vorsitz im Rat.

Am 4. Dezember 1918 bildete sich der Grafschafter Zentral-Arbeiter- und Soldatenrat unter Leitung von Robert Neumann-Hofer. Dieser konferierte häufig mit dem Landrat und den Bauernräten, denn die Hauptforderungen der Grafschafter Arbeiter bezogen sich auf eine Verbesserung der Lebensmittelversorgung.

Die Soldatenräte verloren schnell an Bedeutung, da die hier stationierten Soldaten rasch nach Hause entlassen wurden. Zwar kamen immer wieder neue Soldaten vor allem aus dem Rheinland zur Demobilisierung ins Bentheimer Land, doch da sie hier nur kurz verweilten, waren die Soldatenräte hauptsächlich mit der Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung beschäftigt, denn die vielen Soldaten brachten auch Unruhe ins Land. Im Frühjahr 1919 lösten sich die Soldatenräte in der Region schließlich sang- und klanglos auf.

Ebenso zogen sich die Vertreter der SPD und der bürgerlichen Parteien nach den Wahlen der deutschen Nationalversammlung im Januar 1919 aus den Arbeiter-Räten zurück, deren Aufgabe sie als erledigt sahen. Die Grafschafter lokalen Räte lösten sich daraufhin auf. Nur in Nordhorn versuchte die USPD noch einige Zeit vergeblich, einen revolutionären Arbeiterrat zu installieren. Als Vorsitzender des Grafschafter Zentral-Arbeiterrats blieb Neumann-Hofer jedoch noch bis zum 1. April 1920 im Amt, um als Vertreter der Arbeiter für die Verbesserung der Lebensmittelversorgung mit dem Landrat und dem Zentral-Bauernrat zu verhandeln.

Die übergroße Masse der Mitglieder der Grafschafter Arbeiter- und Soldatenräte engagierte sich nicht für eine sozialistische Umgestaltung der Gesellschaft, sondern bekannte sich zu den Parteien der Weimarer Republik.

Eine Umgestaltung Deutschland nach dem sowjetischen Vorbild unterstützte in ihnen kaum jemand. Der Fokus der Grafschafter AuS-Räte lag auf die Verbesserung der konkreten und aktuellen Bedürfnisse der Arbeiter und Soldaten vor Ort, wobei im Mittelpunkt eine bessere Nahrungsmittelversorgung und die angemessene Vertretung der Arbeiter in den Kommunalparlamenten standen, verbunden mit ihrer rechtlichen Gleichstellung in den Kommunen.

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