Deutscher Graben bei Arras, ca. 1916: Ein Soldat hält Ausschau, während seine Kameraden ausruhen - Bundesarchiv, Bild 183-R05951 / CC-BY-SA 3.0
 

Der Krieg an der Westfront - Bericht eines Grafschafter Infanteristen

 

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Ein junger Soldat aus der Grafschaft nahm im Frühjahr 1918 an einer letztlich gescheiterten deutschen Offensive an der Westfront teil. Nach der Kapitulation des bolschewistischen Russlands mit Truppen aus dem Osten verstärkt, sollte nun im Westen die Entscheidung gesucht werden, bevor frische amerikanische Verbände auf dem Kampfplatz erschienen. Im Jahrbuch 1935 wurde dieser Bericht abgedruckt:

„Elfte Kompanie! Fertigmachen!“ Die klamm gewordenen Muskeln strecken sich. Wir atmen auf. Dies eine

Wort: Fertigmachen kommt wie eine Erlösung. Tausendmal gehört auf dem Marsch, im Quartier, im Stollen … Heute schallt es wie ein Posaunenstoß über die Wiesen von Homblieres, antreibend, aufrüttelnd, ein Schicksalsruf! Geschäftig ordnen sich die Korporalschaften, die Gruppenführer melden. Alles da! Nicht einer hat sich krank gemeldet.

.. . Es wird Zeit. Die Zehnte marschiert schon … Klappernd setzte sich die stark aufgefüllte Kompagnie in Bewegung, drei stattliche Züge, wohl an die hundertfünfzig Mann. – Winken. – Zurufe! Dem Spieß laufen die Tränen über die Backen. Still steht er auf der Wiese und blickt uns traurig nach. Er hat seinen Kompagnieführer nicht wieder gesehen ...

Es ist dunkel geworden. Vor uns marschiert eine Kompagnie, hinter uns marschiert eine Kompagnie Wir sehen es nicht ...

Kein lautes Sprechen ertönt, nur Raunen und Flüstern. An den Straßenkreuzungen stehen Offiziere und regeln den Verkehr. Lautlos, nur durch Gesten. Stumm marschieren wir ... Und doch ist die Luft voller Geräusche. Pferdehufe klappern, Deichseln knirschen, Schanzzeuge klirren, selten ein gedämpfter Kommandoruf …

Stielhandgranaten habe ich mir nach alter Stoßtruppweise umgehängt. Am Koppel hängen außerdem noch vier. Zusammen ein Dutzend. Ich taste nach den Sicherungen. Alles in Ordnung! – … Vereinzelte Häuser tauchen auf. Links auf freiem Felde muß eine Reservestellung sein. Wir haben im Dezember 1917 einige Tage dort gelegen und endlos tiefe Stollen gebaut. Wir marschieren durch die Straßen der Stadt. Die Kompagnie knickt ein und umgeht eine dunkle Masse. – Tote Pferde. – Sie liegen durcheinander gewürfelt in verzerrten Stellungen auf dem Pflaster. Leute räumen die Trümmer der Munitionswagen fort. Es stinkt nach Pulver und Brand. Aus Kellerlöchern ragen Geschützrohre. Artilleristen stehen in den Hauseingängen. In den Höfen, auf den Straßen Munitionsstapel. Riesenrohre ragen über die Mauern der Höfe. Die ganze Stadt besteht nur noch aus Batteriestellungen. – … Wir hängen uns an eine vorbei marschierende Kompagnie und kommen bald auf freies Feld. Der Laufgraben ist verstopft. Wir klettern über Deckung. Ein helles Singen kommt uns entgegen. Tommyflieger! Das Singen schwillt an zum Dröhnen. Jäh rasselt ein Maschinengewehr los. Der Kerl schießt mit Leuchtspurmunition. An die Erde geschmiegt liegen wir, halten den Atem an. Tief braust er schießend über uns hinweg. Die Wolken schieben sich auseinander wie Kulissen. Er kommt zurück. Unaufhörlich spritzt er seine leuchtenden Garben über das Gelände.

„Sanitäter! Sanitäter!“ Drüben hat’s jemand gepackt. Wir liegen wie erstarrt. – Weiter! Wir springen in einen Laufgraben und rennen uns fest. – Kehrt marsch! Wir schimpfen und fluchen. Schwer wird das Gepäck wie Blei. Halt! Warten! Der Flieger kommt zurück. Wir bringen unsere Maschinengewehre schräg an der Böschung in Stellung ... Mit heulendem Crescendo saust es über uns hinweg … Wir marschieren auf die Leuchtkugeln zu. Das Wetter klärt auf. Es geht auf Mitternacht. Wir sind sechs Stunden unterwegs. Hoch über uns blinken Sterne. Der Tommy tastet mit einer leichten Batterie das Gelände ab. Wir sind da! Sturmstollen! … Vor den Eingang kommt eine Zeltbahn. Eine Kerze wird angezündet.

Da sitzen wir nun und sehen uns an … Vier Stunden noch, ehe unser Trommelfeuer beginnt, neun Stunden noch bis zum Sturm! ... – Ich steige auf den Postenauftritt. Wie ein grauer Mantel liegt es über der Erde, Nebel und Finsternis. Kaum, daß ich das eigene Drahtverhau erkenne. Der Mond ist verschwunden. Der Nebel stinkt ... . – Mit seiner sattsam bekannten stupiden Regelmäßigkeit funkt der Tommy mit Abständen in die Stadt hinein. Wieder wirbelt ein Munitionsstapel prasselnd in die Nacht. Kein Wunder! Wohin er schießt, Granaten über Granaten!

… Im Stollen ist es bitterkalt. Wir sitzen gepreßt, die Knie ineinandergeschoben und wärmen uns gegenseitig. – Wollen ein paar Stunden schlafen. Auf Vorrat. Wer weiß, wann wir wieder zum Schlafen kommen … – – „Gasmasken raus!“ Im Stolleneingang steht ein Melder und rüttelt mich wach … „Was ist denn los?“ „Ihr sollt die Gasmasken bereit halten! Es beginnt gleich! In zehn Minuten Trommelfeuer!“ ... Im Nu sind wir munter. Machen Licht, packen mit steifen Fingern die Masken aus und probieren sie auf … Gas! – Das haben wir beinahe vergessen. Brenzlicher Kram! Wenn nur der Wind günstig ist. Daß es uns nicht so geht wie im Dezember 17, als die 1300 Gasminen elektrisch gezündet auf einen Schlag hinüber geworfen wurden. Wir hinterher und rüber zum Franzmann, um die Wirkung festzustellen. Der Wind schlug um. Wir sind um unser Leben gelaufen. Mit der Gasmaske auf, bis zum Bahndamm nach Mezieres, unsere eigene Stellung vollkommen vergast … – Hinter der Zeltbahn im Stollenhals flammt es auf. Heulen, Brausen, Zischen, Gurgeln, als wenn tausend Propeller anspringen. Wir ducken den Kopf auf die Knie. Die Erde beginnt zu rollen und zu stampfen, der Stollen knirscht und schwankt. – „Raus! Der Stollen bricht!“

Ich stürze hinaus in den Graben. Entgeistert starre ich in den brennenden Himmel. Es verschlägt mir den Atem. Krachen und Brüllen! Der Graben zittert. Die Hölle ist los. Der Nebel braut und wogt. Hoch über die quirlenden Schwaden springt eine Wand aus Feuer und Erde tobend in den Himmel. Auf der Schulterwehr tanzen Gestalten. Sie recken die Arme hoch, winken, reißen den Mund auf. Lautlos, wie Gespenster. – Plötzlich tanzen Flammen auf der Böschung. Kleine Erdfontänen springen auf … Zu kurz! Die schießen zu kurz! Leuchtpistole her! Gelb! Feuer vorverlegen! – Der Stollen steht noch. Wir klettern hinein. „Der Tommy schießt Sperrfeuer!“ ... Wir sitzen leidlich in Deckung. Hoffentlich hält der Stollen aus. Sicher ist das nicht ... Wir achten nicht mehr auf das Rollen und Schwanken der Erde. Der Lärm scheint jenseits der Grenze des Wahrnehmbaren zu liegen. Wir hören ihn einfach nicht mehr. Kümmern uns auch nicht weiter um die Granaten der Tommybatterie …

Endlos zögernd kriechen die Stunden dahin. Es rollt und stampft und blitzt und rauscht mit monotoner Gleichmäßigkeit. Es ist, als hätte es nie etwas anders gegeben, als würde es ewig so bleiben. Alles Eßbare ist restlos verzehrt ….Fahl dämmert der Morgen. Man sieht ihn kaum vor Qualm und Nebel. - Ein furchtbarer Erdstoß läßt uns aufspringen. Dumpf überdröhnt ein Krachen das Chaos der Geräusche. Der Stollen schwankt wie ein Schiff im Sturm. Sand rieselt aus den Fugen der Decke. „Sie geben dem Tommy den Rest!“ Es sind unsere schweren Minen. Vom Stolleneingang aus sieht man ihre Riesenleiber an der Spitze aufglühend wie Schiffe hinübergondeln. Als ob Zyklopenhämmer auf die Erde niederkrachen, dröhnen ihre Einschläge. Die Schollen ihrer Erdfontänen flackern bis in den Sturmgraben. –

Das Unglaubliche geschieht. Der Tommy lebt noch! Schießt mit einer Batterie Flachbahner hinter die Grabenböschung nach rückwärts. Ein Teil der Grabenwand stürzt ein.

„Es ist jetzt 9 Uhr 20!“ Der Melder ist durch den beschossene Graben gerast, steht im Stollenhals und schreit: „Uhren stellen! Neun Uhr zwanzig! Um 9 Uhr 45 raustreten!“ Schon stürzt er weiter zur nächsten Gruppe … Unsere unerschütterliche Ruhe ist hin. Das Blut tropft aufgeregt durch die Adern. Wir spüren nichts mehr von der Kälte des Märzmorgens. Zum letztenmal versuche ich, mir unsern Weg auf der Karte zu merken. Die blauen Linien schwimmen durcheinander, die Namen schwanken. Zwecklos! Wütend knittere ich sie zusammen und stecke sie fort. Die Zeltbahn ist abgenommen und gerollt. Tornister sind aufgehängt. Ich stehe als erster im Stollenhals. Mit fliegenden Händen. Die Zähne schlagen aufeinander. Wir haben alle so sonderbare Gesichter. Erdgrau. Scharf treten die Backenknochen hervor ... Ich versuche, den andern zuzulachen. Es wird ein verzerrtes Grinsen. Ich starre auf den Zeiger der Uhr: 9,38. – 9,39. - 9,40. – Ich kann nicht mehr warten und brülle: „Raustreten!“ Stürze in den noch leeren Graben. Renne zum Nachbarstollen ...

Der Graben wird lebendig. Aus den Sturmstollen quillt es heraus, springt auf den Schützenauftritt. Einer tanzt im Graben, schwenkt eine Karte in der Hand. Jakob Linnert schüttelt mir in einem fort die Hand. Kotte schwingt unser leichtes Maschinengewehr auf die Schulter, als wäre es ein Kinderspielzeug. Ein Vize fuchtelt mit einer Pistole herum. Zedelius hebt seinen Spazierstock hoch und zeigt nach vorn. Wir klettern ungestüm die Böschung hinauf und stürzen lautlos schreiend blindlings auf die brodelnde, blitzende Wand los!

Die Grafschaft Bentheim in der Geschichte

Quellen: Zusammengestellt aus: N.N., Aus den Kriegserinnerungen eines Grafschafter Infanteristen, in: Das Bentheimer Land, IX. Hrsg. von Rektor H. Specht. Jahrbuch des Heimatvereins der Grafschaft Bentheim 1935

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