Stiftskirche in Wietmarschen - Bild: GG
 

Die Kriegsjahre 1916 und 1917 in Wietmarschen

Aus der Pfarrchronik Wietmarschen

 

Druckversion

1916

Der Aushungerungsversuch Englands machte, um die Volksernährung sicher zu stellen, scharfe und einschneidende Verfügungen seitens der Regierung notwendig. Diese Bestimmungen wurden dann leider häufig seitens der ausführenden Organe mit wenig Klugheit und Umsicht zur Anwendung gebracht, was oft arge Erbitterung hervorrief.

Da war es natürlich Sache des Seelsorgers möglichst aufklärend zu wirken, namentlich die Leute an ihre Pflicht zu erinnern, alles dasjenige, war sie entbehren könnten, zur Ablieferung zu bringen. Und weil in allen Artikeln sich eine gewaltige Preissteigerung bemerkbar machte, so mußte auch die Pflicht der Sparsamkeit den Leuten möglichst ans Herz gelegt werden, wenngleich bei dem streng konservativen Charakter der Gemeinde unvernünftige Ausschreitungen in dieser Beziehung nicht zu fürchten waren.

Die notwendigen täglichen Opfer in der ganzen Lebenshaltung haben die Leute in voller Erkenntnis der Notwendigkeit gern gebracht. Besonders schwer war dies Opfer für die alten guten Mütterchen, die nicht wenig darüber klagten, daß sie nun auf ihre Tasse von echtem Kaffee oder Thee verzichten mussten.

Die religiöse Erneuerung hielt auch in diesem Jahre an, wie der stets zahlreich besuchte Gottesdienst, der häufige Sakramentenempfang und die ungeheuer große Zahl der bestellten hl. Messen zur Genüge bewiesen. Besondere Erwähnung verdient das Eucharistische Triduum am 29., 30. Juni u. am 1. Juli, wo kein Mitglied der Gemeinde dem Empfang der hl. Kommunion fern geblieben ist. Überaus groß war auch die Beteiligung am Portiunkula-Ablaß und am Allerseelentage.

1917

Infolge der großen Lebensmittelknappheit in den Städten machen sich auch auf dem Lande verschiedene unangenehme Dinge recht bemerkbar. Zunächst sind es die vielen Verfügungen der Regierung und öfteren Bestandsaufnahmen bezüglich der Lebensmittel, die, wenn auch ohne Zweifel notwendig, doch häufig mit sehr wenig Verständnis zur Ausführung gebracht wurden. Dann waren es die vielen bettelnden Personen aus den benachbarten Städten, namentlich aus Nordhorn. Ein Dutzend am Tag von diesen Leuten war in manchen Häusern nichts Seltenes.

Die guten Landleute gaben bei den manchmal recht bewegten Schilderungen der Not alles, was sie nur geben konnten, Brot, Kartoffeln, Eier und selbst Speck, selbst auf die Gefahr hin, daß unter diesen Leuten nicht wenige waren, die nachher diese Sachen für einen hohen Preis wieder verhandelten.

Die unangenehmste Erscheinung waren aber die sogenannten Schleichhändler, die aus Essen, Düsseldorf, Dortmund etc. nach hier kamen, vielfach, um die Sache unauffällig zu machen, als Jäger verkleidet, den Leuten für Butter, Speck, Eier gewaltige Preise boten (Butter 5 M – 8 M; Speck 8 – 12 M) (Eier 30 Pf. pro Stück), um dann diese Sachen in den Städten wiederum mit einem gewaltigen Aufschlag zu verkaufen. Erst nachdem mehrere dieser unlauteren Gesellen in Lingen festgenommen waren, wie sie mit ihrer Beute gerade den Zug besteigen wollten, legte sich die Behörde ins Mittel.

Es wurde in Lohne ein Feldgendarmerieposten errichtet, der nun die Beförderung von Schleichware streng überwachen soll. Für die einfachen Landleute waren diese horrenden Preise natürlich eine arge Versuchung und es mußte ihnen stets wieder ins Gewissen geredet werden, daß es in erster Linie Pflicht sei für die Allgemeinheit zu sorgen.

© Hamsterkiste Verlag

Quelle: Chronik der kath. Kirchengemeinde St. Johannes Ap., Wietmarschen, geführt von Matthias Rosemann, S 33 und S. 36-37.