Die katholische Kirche "Mariä Himmelfahrt" in Schüttorf
 

Erinnerungen aus der Zeit des Krieges 1914 bis 1919 in Schüttorf

 

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Niederschrift des katholisches Pfarrers Wilhelm Gertken

Am Sonnabend dem 1. August 1914 waren viele Gemeindemitglieder in der Kirche zur hl. Beichte, denn am folgenden Sonntage wurde in der Kirche das dreizehnstündige Gebet gefeiert und der Portiunkularablaß konnte genommen werden. Aber der Ernst und der Eifer, mit welchem heute gebetet wurde und man sich auf die Beichte vorbereitete hatte einen besonderen Grund: Es war der Kriegszustand verkündigt worden. Der Abend brachte dann die Lösung der Frage, ob Krieg oder Frieden: Um 7 Uhr wurde bekannt gemacht: Deutschland hat an Rußland den Krieg erklärt. Die Erregung löste sich auf dem Marktplatze aus in vaterländische Begeisterung, hervorgerufen durch Ansprachen und Lieder: die erste Kundgebung der Hingabe des Volkes für das Vaterland.

Die Heerespflichtigen aus der katholischen Gemeinde empfingen vor ihrem Eintritt ins Heer die hl. Sakramente mit rechter Vorbereitung: man wollte sich für alles bereit machen. Dann kamen sie auch ins Pfarrbüro um Abschied zu nehmen. „Weihnachten sind wir wieder hier“, sagte der eine. „Ja dann wird’s wohl aus sein,“ der andere. Und wieder andere: „Herr Pastor, schauen Sie mal mitunter nach, wie es meiner Frau und meinen Kindern geht.“

Zu Anfang des Krieges war der Eifer in den religiösen Übungen sehr groß. Es kamen zwar die ersten Siegesnachrichten aus Belgien und Nordfrankreich, Glockengeläute und Böllerschüsse verkünden die Großtaten des Heeres und heben die Freude und Zuversicht, aber mancher schaute besorgt in die unsichere Zukunft, die Sorgen und Leiden zu bergen schien, und setzte um so mehr seine Hoffnung auf Gott. Die hl. Messe wurde auch an Werktagen viel besucht und die hl. Sakramente wurden mit besonderem Eifer und Fleiß empfangen. Es wurden in der Kirche besondere Kriegsandachten abgehalten und zwar im November und Dezember, sowie in der Fastenzeit zwei mal in der Woche abends, im übrigen vereinigt mit der Schulmesse und den Nachmittagsandachten an Sonn- und Feiertagen. An Kriegsgebeten und -Andachten war bald kein Mangel. Das Kriegsgebet des Bischofs Faulhaber von Speyer und später das Friedensgebet des Hl. Vaters Benedikt XV. wurden zu den Lieblingsgebeten des katholischen Volkes.

Aber auch unangenehme Erscheinungen gab es auf religiösem Gebiete. Es verbreitete sich hier unter dem Volke die Ansicht, wir hätten einen Religionskrieg. Das Gerede hielt sich trotz seiner Torheit längere Zeit. In den Fabriken hielten die protestantischen Arbeiter den Katholiken vor, Frankreich wolle in Deutschland die katholische Religion mit Gewalt unter den Protestanten ausbreiten. Durch Briefe der Soldaten und Beurlaubten wurden dann entsetzliche Greueltaten verbreitet, von belgischen Priestern und Ordensleuten an deutschen Soldaten. In einer Kommissionssitzung wurde in meiner Gegenwart vom Fabrikbesitzer Kröner hierselbst, eine Postkarte seines Neffen, eines Leutnants Kröner aus Ohne, verlesen, ein deutscher Offizier habe sich unterredet mit einem belgischen Priester sei zuerst freundlich gewesen. Die beiden hätten sich dann verabschiedet, aber als der Offizier sich umgewendet habe, habe der Priester aus seinem Birett einen Revolver genommen und den Offizier hinterrücks erschossen. Der Fall ist dem Priesterverein „Pax“ mitgeteilt, der sich die Aufgabe gestellt hatte, die Greuelberichte als unwahr nachzuweisen; es konnte aber nicht mehr klargestellt werden, weil der Leutnant Kröner bald darauf gefallen ist.

Eine besondere Kriegserscheinung ist auch die Suche nach Prophezeiungen über den Verlauf und Ausgang des Krieges. Hier haben sich meines Wissens keine Propheten aufgetan – abgesehen von der katholischen Frau Tepe im städtischen Armenhause, die sich über den vermeintlichen Religionskrieg prophetisch ausließ, daß nämlich die katholische Sache glänzend siegen würde. Bei Protestanten erregte dies Protest, darum hat Frau Tepe später ganz geschwiegen. Aber es gingen immer Gerüchte um von neuen und alten Propheten, und jeder Weg und jede Brücke hatten schließlich irgend eine Weissagung oder Vorgeschichte.

Bald kamen auch die langen Züge mit den Verwundeten; wo nur in Krankenhäusern Platz war, wurden sie untergebracht. Mit ehrfürchtiger Teilnahme wurden diese ersten Opfer des Krieges aufgenommen, und jeder wollte ihnen gerne Gutes erweisen. Frauen und Jungfrauen meldeten sich zahlreich zum Dienste und zur Pflege der Verwundeten. Aber Kriegeshelden sind noch nicht immer Tugendhelden; sie wurden eine Gefahr für die weibliche Jugend. Es kamen auch die Todesnachrichten aus dem Felde, und die Geistlichen hatten die schwere Aufgabe, den Eltern, Frauen oder Kindern der Gefallenen diese Nachricht zu überbringen. Welches Elend erzeugt doch der Krieg, wenn schon jede einzelne Todesnachricht aus dem Felde so viel Jammer und Schmerz auslöst, wie man bei jeder Botschaft erleben mußte. Infolge dieser Aufgabe durften die Geistlichen Familien, aus denen Männer im Felde standen, kaum noch besuchen, denn namentlich die Mütter und Frauen wurden jedesmal sehr erschreckt, wenn der Geistliche zu ihnen ins Haus trat, indem sie das Schlimmste für die Ihrigen befürchteten. Die Gefallenen aus der Schüttorfer katholischen Gemeinde sind nach Feststellung des Todes ins Sterberegister eingetragen. Es ist für dieselben jedesmal ein Seelenamt gehalten worden. Wenn derselbe Mitglied des St. Josephs-Arbeiterverein war, erschien der Verein mit umflorter Fahne.

Das Vereinsleben hat in der Kriegszeit sehr gelitten. Vom St. Josephs-Arbeiter-Verein war bald der Kern der Mitgliedschaft zum Heeresdienste eingezogen. Die Jugendabteilung löste sich auf. Mehrere mußten, da in Schüttorf keine Arbeit mehr zu finden war, auswärts Arbeit suchen. Dann wurde die Jugendwehr eingerichtet, durch deren Übungen sie sehr in Anspruch genommen wurden. Weihnachten 1914 und 1915 hat er seinen Mitgliedern im Felde Liebesgaben übersandt, später konnte dies nicht geschehen, weil die Mittel fehlten.

Vom Kreuzbündnis waren die männlichen Mitglieder fast sämtlich heerespflichtig. Die Abstinenz wurde infolge des Mangels an alkoholischen Getränken allgemein üblich, daß die Abhaltung von Versammlungen nicht notwendig war. Dazu kam noch, daß infolge der Belegung Schüttorfs mit Militär das einzige noch freie Vereinslokal, die alte katholische Schule neben der Kirche, von der Stadt für eine Klasse der Rektoratschule in Anspruch genommen wurde.

Nur die am Feste Mariä Opferung 1916 gegründete Marianische Jungfrauen-Kongregation hat in der Kriegszeit sich rege gehalten. Als Versammlungsraum wurde die alte Schule weiter benutzt; die Mädchen setzten sich in die Bänke der Schulkinder. Infolge der langen Kriegsdauer wurde der Mangel an Lebensmitteln und Kleidung immer größer. Viele Menschen haben wegen Unterernährung Gesundheit und Leben eingebüßt, namentlich als im Herbste 1917 die Ruhr und Herbst 1918 die Grippe auftrat, welchen Krankheiten diese nicht gewachsen waren.

Weil in Schüttorf seit 1916 die Fabriken wegen Rohstoffmangel nicht mehr in Betrieb gehalten werden konnten, mußten die Arbeiter, namentlich die Jugentlichen (!), in Nordhorn, Lingen und Rheine Arbeit nehmen. Die Arbeiter verdienten viel Geld, aber der Jugend fehlte Aufsicht und Leitung, die Zucht schwand immer mehr aus der Jugend.

Wie schon erwähnt, war Schüttorf in der Kriegszeit mit Militär belegt, zunächst 1915 mit einem Grenzschutzkommando, dann 1917 mit einer Kampfschule zur Ausbildung der Mannschaften im Minen- und Handgranatenkampf. Mehrere sind bei diesen gefährlichen Übungen ums Leben gekommen, darunter 2 Katholiken. Die Mannschaften wurden in den leerstehenden Fabrikgebäuden und in der reformierten Volksschule hinter der reform. Kirche untergebracht.

Unter den Soldaten – Offiziere durchaus nicht ausgenommen – gab es viele Elemente, die sittliche Schranken nicht zu kennen schienen. Verführung und Ehebruch – begünstigt durch den Leichtsinn mancher Kriegerfrauen – waren keine Seltenheiten mehr. Die Offiziere hielten üppige Mahlzeiten und veranstalteten laute Festgelage, während das Volk Steckrüben und schlechtes Brot aß, sich ängstigte um die Angehörigen im Felde und trauerte um die vielen Gefallenen. Den Herren schien jedes soziale Empfinden zu mangeln. Dieser Umstand hat auch dazu beigetragen, daß die Kriegsmüdigkeit im Volke immer größer wurde.

November 1918: Der Krieg ist für Deutschland verloren. Welche Opfer hat er von der kathol. Gemeinde verlangt? 101 Männer haben im Heeresdienste gestanden. Davon haben 22 ihr Leben hingeben müssen. Zwölf sind schwer verwundet und teilweise Invaliden. Zehn sind in Gefangenschaft geraten.

Der Krieg hat die Revolution erzeugt. Der Schüttorfer Arbeiter ist von Haus aus nicht revolutionär, aber er erwartete jetzt eine Besserung seiner Lage nicht mehr von dem Wohlwollen der Arbeitgeber, er nahm die Wahrnehmung seiner Interessen selbst in die Hand. - Weihnachten merkte man in der Kirche, daß die katholischen Männer wieder heimgekehrt waren. Als die Revolution ihr religionsfeindliches Gesicht zeigte, da zögerten die katholischen Männer nicht, im öffentlichen Leben für Religion und Kirche einzutreten, während ihre Arbeitsgenossen in Schüttorf vom Sozialismus ihr Heil erwarteten. Die Katholiken Schüttorfs standen und kämpften allein für ihre religiöse Überzeugung mitten im brandenden roten Meere des Sozialismus bei den Wahlen zur deutschen Nationalversammlung im Januar 1919. Möge diese Gemeinde auch in Zukunft aus überzeugungstreuen und aufrechten Katholiken bestehen.

Die Grafschaft Bentheim in der Geschichte

Quelle: Pfarrarchiv Schüttorf: Ordner C-002

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