Die Grafschaft Bentheim in der Geschichte

Die Grafschaft Bentheim im Weltkrieg

von Georg Kip

Der Neuenhauser Journalist, Zeitungsverleger und Heimatforscher Georg Kip (1886–1965) blickte in einer Artikelserie in "Der Grafschafter", die ab August 1924 erschien, auf die Jahre 1914 bis 1918 zurück.

... Der Krieg selbst beeinflußte das Leben und das Wirken jedes Einzelnen von uns im höchsten Grade; die Grafschaft, obwohl fern vom Schuß, erlebte vielerlei. Sie sah ihre Söhne hinausziehen, begleitete sie mit treuem Gedenken auf dem anfänglich unaufhaltsamen Siegeszug des deutschen Heeres; sie nahm vertriebene Landsleute und verwundete Krieger auf, hoffte und sorgte um die Lieben im Felde und um den Ausgang des Weltenringens, nahm willig Beschränkungen in der Lebenshaltung und in der persönlichen Freiheit auf sich.

Die Heimat erlebte auch manches andere. Den bitteren Schmerz um die Gefallenen, deren Zahl je länger je mehr erschreckend anwuchs, Zweifel und Furcht um den Endausgang, das Aufkommen der Selbstsucht, das Sinken der Moral und endlich das schmerzliche Ende.

... Die politische Lage hatte sich, nachdem Ende Mai das österreichisch-ungarische Thronfolgerpaar von einem serbischen Fanatiker ermordet worden war, in den letzten Tagen des Juli bedrohlich zugespitzt. Unkontrollierbare Gerüchte ließen die Nervosität der Bevölkerung aufs höchste steigen. Alles fieberte nach sicheren Nachrichten. Sie liefen aber nur spärlich ein und wurden meist auch nicht mehr geglaubt, während man allen Redereien, die irgendwo auftauchten, nur zu leicht geneigt war, Glauben beizumessen. Die unerträgliche Spannung löste sich am Nachmittag des 31. August, als die amtliche Meldung vom befohlenen Kriegszustand kam. Begründet war sie mit der drohenden Haltung Rußlands.

... Schon arbeitete die Maschine; noch an demselben Abend wurden uns vom Hülfsamt eine Anzahl von Bekanntmachungen überbracht, die versiegelt dort für solchen Fall geruht hatten. Am späten Abend brachten wir sie durch Sonder-Ausgabe zum Versand. Der erste August 1914 zog herauf; in dumpfer Spannung und fieberhafter Erregung wartete alles auf die Entscheidung.

Die Minuten glichen Stunden; an Arbeit wurde kaum gedacht; die Frauen saßen vor den Türen und die Männer standen in Gruppen beieinander, eifrig und aufgeregt alle Möglichkeiten besprechend. Es war ein glühend heißer Tag, die Hitze lähmte alle Spannkraft; je weiter die Uhren am Nachmittag vorrückten, desto höher stieg die Erregung. Langsam verrannen die Stunden; nichts, gar nichts geschah. Da, endlich gegen Abend die Lösung der kaum mehr ertragbaren Spannung: Mobil!

Eine kurze, aber welch’ inhaltschwere Meldung. In der Druckerei war das Extrablatt vorbereitet gewesen, so wurde die Nachricht im Augenblick herausgebracht. Die Menge riß sich, obwohl der Inhalt den meisten durch den inzwischen erfolgten Postaushang schon bekannt war, um die noch druckfeuchten Blätter.

Ein ungeheurer seelischer Druck legte sich in diesem Augenblick der Entscheidung nun doch auf alle; die härtesten Männer sah man kreidebleich werden, Frauen und Mädchen schluchzten laut auf. … Irgendwie mußte sich die seelische Erregung auswirken. Ueberall, spontan, nirgendwo angeregt, bildeten sich Umzüge, die, patriotische Lieder singend, durch die Straßen zogen. Ehrlich, bei allen Deutschen war in diesem bewegten Augenblick die heiße Liebe zum Vaterlande emporgequollen. Noch wußte man nichts von dem Kaiserwort: „Ich kenne keine Parteien mehr; ich kenne nur noch Deutsche!“ Hier hatte es sich aber schon allerorten in den Kundgebungen des ersten Augustes bewahrheitet.

Der erste Mobilmachungstag war der dritte August. Die Heeresmaschine begann zu arbeiten. Bis ins Einzelne war alles vorbereitet; jeder wußte, wo und wann er zur Stelle sein mußte. Die meisten Grafschafter hatten sich in Lingen zu stellen.

Jeder Kreisbahnzug war überfüllt; Tag für Tag, ja fast Stunde für Stunde rollten außerdem geschmückte Wagen mit Reservisten dem Sammelort Lingen zu. Die meisten der Scheidenden – es waren zuerst meist nur junge unverheiratete Leute – sagten ihren Freunden und Bekannten Lebewohl, als ob es zu einer Reise und nicht in den Krieg ging. Die Schrecken vergegenwärtigte man sich in der ersten aufgeregten Zeit kaum.

Die Mobilmachung rollte sich wie am Schnürchen ab. Die gedienten Leute wurden sofort in ihre Ersatzregimenter eingereiht, die ungedienten ausschließlich zur Begleitung von Pferdetransporten benutzt und dann wieder vorläufig entlassen. Manche freuten sich dessen in der fast allgemeinen Hoffnung, in wenigen Monaten werde der Krieg zu Ende sein.

Sehr viele aber, namentlich unter den Jüngeren, konnten ihren Kriegseifer nicht bezähmen und reisten durch Deutschland, die Kreuz und die Quer, von Garnison zu Garnison, um nur bei irgend einem Regiment als Kriegsfreiwilliger eingestellt zu werden. Der Andrang von Freiwilligen belief sich auf Millionen, und unsere Grafschafter Jugend stand in ihrer Vaterlandsliebe und Opferfreudigkeit niemand nach.

So beschloß der Turnverein Nordhorn beispielsweise, sich mit sämtlichen aktiven Turnern dem Heere zur Verfügung zu stellen. Geschlossen zogen die begeisterten Jungen unter Führung des damaligen 2. Vorsitzenden Lehrer Carl Sager ab. Bitter empfanden die einstweilen Zurückgewiesenen, unter denen sich zunächst auch Sager befand, ihre Nichtverwendung. Sager ruhte nicht, bis er als Kriegsfreiwilliger das Gewehr schultern konnte; er hat dann als einer der Ersten sein tapferes Leben dahingeben müssen.

Während die Mobilmachung der deutschen Wehrmacht sich vollzog und die Truppenverbände nach Osten und Westen abrollten, stieg die Spannung der Daheimgebliebenen auf höchste. Man hörte vorläufig von kaum etwas Anderem als von neuen Kriegserklärungen und mußte erleben, wie ein Volk Europas nach dem anderen sich gegen die Mittelmächte wandte.

Aber der Geist, den jeden beseelte, war glänzend. Statt dass die immer größer werdenden Zahl der Feinde die Bevölkerung mit Frucht und Schrecken erfüllte, löste jede neue Kriegserklärung umso mehr den felsenfesten, grimmen Glauben aus: Unsere braven Jungen werden’s schon schaffen! Und diese Zuversicht sah sich nach wenigen Wochen glänzend gerechtfertigt.

Es überstürzten sich nach der Kunde von dem Handstreich auf Lüttich, durch den diese belgische Feste fiel, die Siegesmeldungen aus dem Westen. Kaum waren genügend Kräfte an der Grenze versammelt, als der Angriff begann und gelang. Tag für Tag kamen die Siegesbotschaften. Die Bevölkerung hungerte nach den Telegrammen; von Neuenhaus wurde darum die Versorgung der Mittel- und Niedergrafschaft mit Extrablättern organisiert. Radfahrer, mit besonderen Blasinstrumenten ausgerüstet, verbreiteten die begehrten Nachrichten in allen Orten schnellstens.

Der Hunger nach diesen Sonder-Ausgaben der Zeitungen war so stark, daß täglich Tausende weggegriffen wurden. Zunächst wurden sie kostenlos abgegeben. Als aber die Unkosten für die telephonische Uebermittlung der Meldungen und der Herstellung der Blätter erheblich wurden, gingen die Zeitungs-Verlage allgemein dazu über, die Sonderausgaben mit den Heeresberichten zu verkaufen. Es kamen Tage, an denen zwei, drei Extrablätter erschienen. Sie fanden in den ersten Monaten immer wieder schnellsten Absatz.

Die Aufnahme des amtlichen Nachrichtendienstes, der die begreifliche Spannung und das fiebernde Interesse zum mindesten in gewisser Beziehung befriedigte, vermochte aber dennoch nicht die wahnsinnigen Gerüchte abzulösen, die völlig unkontrollierbar waren, die irgendwo auftauchten und die man einfach glauben wollte. Konnte die Schriftleitung der Zeitung sie nicht bestätigen, hieß es, ach, die sind ja nicht unterrichtet oder sie dürfen nichts sagen – aber wahr ist des doch; der und der hat’s von unterrichteter Seite. ... Die Nervosität war in den ersten Tagen nach der Mobilmachung besonders hochgradig. Ueberall wurden Bürgerwehren gebildet, die bewaffnet die Brücken und Straßen bewachten. Die Kirchtürme besetzte man mit Auslugposten, und auch sonst richtete man einen Ueberwachungsdienst ein.

Wovor? Vor den Spionen und Feinden, die sich ausgerechnet in unserer Grafschaft umhertreiben sollten. Man fahndete allen Ernstes auf die Kraftwagen, die mit Gold angefüllt angeblich von Frankreich nach Rußland, quer durch Deutschland unterwegs sein sollten, und unsere Bürgerwehren hatten alle den brennenden Ehrgeiz, diese Gold-Autos ausgerechnet in der Grafschaft Bentheim zu fangen!

Nichts war so dumm, als daß es nicht gläubige Ohren fand. An irgendeinem Tage hieß es, feindliche Autos kommen in rasender Fahrt von Lingen und ihre Insassen schießen wahllos nach allen Seiten. Eilends sicherte man die Brücken mit schweren Eisenketten und sperrte sie auf sonst jede mögliche Weise, wie man es sonst des Nachts immer zu tun pflegte. Die Bürgerwehr wurde beordert, aber jetzt, wo wirklich Feinde nahen sollten, nahmen manche der sonst so Tapferen ihren Posten klopfenden Herzens ein. Der Mut wurde aber natürlich nicht erprobt; denn die feindlichen Autos wurden nie gesehen.

In ruhigen Zeiten hätte jeder den Unsinn lächerlich gemacht, aber in den aufgeregten Tagen gab es anscheinend keine ruhige Ueberlegung mehr. Aehnlich wie bei uns war es auch anderwärts, und das Unglück bei den Soldatenspielen blieb nicht aus. Bald kamen Unglücksmeldungen von hier und dort; harmlose Kraftwagenführer und -insassen wurden im blinden Eifer erschossen, die der Waffe meist Unkundigen richteten unter sich Unheil an, und auch in einer Niedergrafschafter Gemeinde erschoß ein junger Mann seine eigene Mutter. ...

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Man bekam auch bald Ernsteres zu tun. Bevor wir aber darauf zu sprechen kommen, sei einer Himmelserscheinung Erwähnung getan, die die abergläubischen Gemüter aufs heftigste beunruhigte. Ein Komet wurde sichtbar, und das in Verbindung mit der Tatsache, daß in den Sommermonaten das Abendrot Abend für Abend tatsächlich besonders glühend war, deutete man als Vorzeichen eines langen blutigen Krieges.

Ueberhaupt fanden alle möglichen Prophezeiungen gläubige Ohren, während anderseits eine hohe religiöse Welle durch das Volk ging. Die bald nach Ausbruch des Krieges eingerichteten Kriegsbetstunden wurden in den meisten Kirchengemeinden zu einer ständigen Einrichtung, sie fanden überall starken Zuspruch, was bei der Gemütserregung jener Monate verständlich war. Es schien überhaupt, als ob der Krieg alles Kleinliche, Nebensächliche von den Menschen abgestreift hätte, alte Schlacken sich lösten und sie sich untereinander näher kämen.

Das war auch zuerst wirklich der Fall, und hätte der Krieg, was man nach den glänzenden Siegen im Westen immer mehr erhoffte, nach einigen Monaten sein Ende gefunden, so wäre vielleicht manch innerer Gewinn unverkennbar gewesen. Die lange Dauer verkehrte später alles ins Gegenteil und brachte in vielen die schlechtesten menschlichen Eigenschaften zum Siege.

Vorläufig aber wetteiferte alles in gleichem schönem Streben, die Kriegsnot zu lindern und die Opfer des Krieges zu trösten und zu betreuen. Bei dem Russeneinfall im Osten waren sie alle Greuel des Krieges in deutsches Land getragen, und Zehntausende mußten unter Zurücklassung von Hab und Gut flüchten, um nur das nackte Leben zu retten.

Sonderzüge brachten viele Hunderte von den Aermsten im August schon in die Grafschaft Bentheim. Herzlich war allerwegen der Empfang, freundlich die Aufnahme in jedem Haus, das ostpreußische Einquartierung erhielt. Einige Monate haben die Vertriebenen bei uns geweilt, Mitte Dezember erfolgte ihr Rücktransport, nachdem Hindenburgs Siege über die russischen Heereskörper ihre Heimat freigemacht hatten.

Reich beschenkt verließ jeder der Flüchtlinge seinen Grafschafter Gastgeber; mit Kleidungs- und Nahrungsmitteln hatte man die ersten deutschen Kriegsopfer, die wir hier sahen, ausgestattet. Die Liebestätigkeit unserer Frauen zeigte sich auch sonst in schönstem Lichte. Ueberall wurden Frauenhilfsvereine ins Leben gerufen, und da wurde gesammelt, genäht, gepackt, daß es nur so eine Art hatte. Was in den ersten Kriegsmonaten an Liebesgaben ins Feld ging, ist nicht annähernd zu schätzen. Es waren Berge, aber die Feldpost arbeitete nach anfänglichen Stockungen reibungslos, und fast sämtliche Päckchen mit Kopfhauben, Handschuhen, Hemden, Rauch- und Eßwaren kamen anstandslos den Empfängern zugute.

Die Beerdigung eines Kriegsteilnehmers, des Haussohnes Rottmann aus Uelsen, der in einem Lazarett in Hannover seinen Verletzungen erlegen war, in seinem Heimatdorfe, gestaltete sich zu einer großen Trauerkundgebung. Am 18. September kam vom Kriegsschauplatz die erste Trauernachricht nach Neuenhaus; Ludwig Pötters hatte als erster Sohn unserer Stadt den Heldentod erlitten. Ach, wie viele Nachfolger sollte er noch finden!

In den Herbstwochen 1914 finden wir den heimatlichen Teil der Zeitung schon fast rein auf das große Kriegserleben eingestellt. Es enthielt Nachrichten über die Verleihung des „Eisernen Kreuzes“ an tapfere Landsleute, Meldungen, daß dieser und jener in französischer Kriegsgefangenschaft geraten, Aufforderungen mit den Liebesgaben die Heimatzeitung ins Feld zu schicken, die erste Kriegsanleihe zu zeichnen, Warnungen vor feindlicher Spionagetätigkeit, die Mitteilung, daß zum Besuche von Kriegern in ihren Garnison- oder Lazarettorten die Fahrpreise für die Angehörigen ermäßigt worden seien.

In den Neuenhauser Krankenhäusern werden die ersten Verwundeten untergebracht, ebenso wird das Krankenhaus Nordhorn als Reservelazarett in Anspruch genommen und der Klubsaal zur Aufnahme von Verwundeten vorbereitet. Freiwillige Pflegerinnen finden sich genug, und reichlich fließt aus der ganzen Bevölkerung der Strom von Liebesgaben für die in der Grafschaft untergebrachten Kriegsverletzten.

Anfang November wurde die erste Kriegsmusterung unter den zu Anfang zurückgeschickten Ersatzreservisten und Landsturmleuten gehalten, und der bald danach erfolgte Einzug der für tauglich Befundenen ließ nicht darauf schließen, daß ein baldiges Ende in Sicht sei.

In Frankreich hatte die Marneschlacht einen Rückschlag gebracht, und im Dezember des ersten Kriegsjahres schrieb man schon vom „Durchhalten“, eine Parole, die im Laufe der nächsten Jahre immer eindringlicher hat gegeben werden müssen. Die Anzeigenseiten aber füllten sich immer mehr mit schwarzumrahmten, kreuzgeschmückten Trauermeldungen: Fürs Vaterland starb den Heldentod …, und schon war manche Grafschafter Familie in bitteren Kummer und tiefes Herzeleid gestürzt.

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Auf die Lebenshaltung hatte der Krieg in den ersten Monaten wenig Einfluß. Es gab von allem in Hülle und Fülle, und die sich überall bildenden Frauenhilfsvereine erhielten von der Bevölkerung zunächst genug Lebensmittel und Rauchwaren zugewiesen, die sie als Liebespäckchen an die Frontsoldaten schicken sollten; auch war kein Mangel an Mitteln, um in geradezu fabelhaften Mengen Wollwaren zur Herstellung von Strümpfen, Ohrenschützern, Kopfhauben und dergl. zu beschaffen.

Zu Anfang des Jahres 1915 kamen die ersten Beschränkungen; Ende Januar wurde das Brotgetreide beschlagnahmt, seine Verfütterung verboten, und ab 1. März wurde die Brotkarte eingeführt. Von da ab war die Brotausgabe rationiert und durfte nur noch auf Karten abgegeben werden. In der ersten Zeit wurde das aber alles noch nicht so streng gehandhabt; erst im Verlaufe der letzten Kriegsjahre lernten wir es kennen, was es bedeutet, ein großes Volk in seiner ganzen Lebenshaltung nach allen Seiten hin einzuschränken.

In den ersten Monaten des Jahres 1915 (25. März) bekam Grafschaft erneut ostpreußische Einquartierung. Diesmal waren es viele Tausende von Vertriebenen, die mit ihren wenigen geretteten Habseligkeiten in das unbesetzte Gebiet abgeschoben wurden und von denen mehreren Hundert die Grafschaft Bentheim als Zufluchtsgebiet zugewiesen wurde.

Liebevoll wurden die deutschen Landsleute in unseren Gemeinden aufgenommen, und man tat alles, sie die erlebten Schrecken und erlittenen Verluste vergessen zu machen. In dieser Zeit mehrten sich die Meldungen über bewiesene Tapferkeit von Grafschaftern vor dem Feinde und erkämpfte Kriegsauszeichnungen; die Zahl der Todesopfer nahm aber ebenso sehr zu. Es tauchten auch jetzt schon vereinzelte Kriegsgefangene auf. So wurde in Nordhorn ein aus Minden entwichener französischer Offizier wieder aufgefangen, kurze Zeit später in Engden ein Franzose erschossen.

Hatte der Krieg bis dahin auf die Lebenshaltung noch keinen wesentlichen Einfluß, so wurden desto mehr die wirtschaftlichen Verhältnisse davon beeinflußt. Im Frühjahr 1915 mußte bereits berichtet werden, daß die Grafschafter Ziegeleien, eben die in den letzten Jahren vor dem Kriege an mehreren Stellen aufgekommenen Zementfabriken, in denen Dachziegel, Flurplatten, Durchlaßrohre, Brunnenringe, Futtertröge hergestellt wurden, fast verödet dalagen. Schon wurde die Herstellung von Hausrat und Kleidung eingeschränkt, und die Geschäfte setzten jetzt ihre ältesten Ladenhüter um, für die auf einmal Verwendung war.

Die Fabriken in Nordhorn stellten sich für den Heeresbedarf um und beschäftigten anstelle der eingezogenen Arbeitskräfte zahlreiche Holländer. Für die Angehörigen der Frontkämpfer bestand noch keine Not. Sehr oft konnten die Soldaten ihre Löhnung im Felde nicht verwerten und schickten das überflüssige Geld nach Hause.

Die Feldpost arbeitete gut; eine Sendung zum oder vom Westen nahm etwa vier Tage Zeit in Anspruch; die weitere Entfernung vom östlichen Kriegsschauplatz ließ die Postverbindung dorthin entsprechend länger dauern. Die staatliche Unterstützung, die die Angehörigen der Kriegsteilnehmer, soweit sie die Ernährer der Familien waren, bekamen, war nicht groß, aber doch durchweg ausreichend. Familien mit einer großen Kinderzahl wurden sogar oft beneidet ob des regelmäßigen Zuflusses an barem Gelde, das die Ortsbehörden wöchentlich zur Auszahlung brachten.

Für die erste Kriegsanleihe, die Anfang 1915 aufgelegt wurde, machte sich noch kein allzu großes Interesse geltend. Trotzdem war der Erfolg überraschend; 4 ½ Milliarden Mark war damals eine beträchtliche Summe, war die Reichsmark doch 1915 noch durch Inflation nicht angekränkelt. Die wirtschaftliche Kraft des deutschen Volkes war 1915, wie aus diesem Ergebnis erhellte, wesentlich größer als 1870, wo der Norddeutsche Bund zum Satz von 88 % eine Kriegsanleihe von 100 Millionen Taler ausschrieb und mit Mühe und Not nur 60 erhielt.

Um diese Zeit, kurz nach der ersten Kriegsanleihe, erschallt zuerst der Ruf: Alles Gold dem Vaterlande! Und die Schulkinder wurden aufgeboten, das Goldgeld von zu Hause mitzubringen, und stolz auf ihren Sammelerfolg verbreiteten die Schulen gern die Mitteilung, daß hier soviel, dort soviel tausend Mark an Goldgeld zusammengeflossen und dem Goldschatz der Reichsbank zugeführt worden sei.

Im weiteren Verlauf des Krieges wurde der Druck, um die letzten Goldmünzen aus dem Volke herauszuholen, bedeutend verstärkt. Wer als Soldat so- und soviel Goldgeld abliefern konnte, erhielt Anspruch auf Urlaub usw. Heute erinnert man sich dessen nicht gern, haben wir doch erlebt, wie das deutsche Volk auf die Weise um seine Ersparnisse gebracht ist; denn das als Ersatz erhaltene Papiergeld schmolz später durch die Entwertung unter den Händen weg.

Ebenso ging es mit der Kriegsanleihe. Die Werbung für die im weiteren Verlaufe des Krieges aufgelegten Anleihen wurde von Mal zu Mal verstärkt, und die Anleihen wurden infolgedessen wirkliche Volksanleihen. Jeder Knecht, jedes Dienstmädchen, jeder Bauer, jeder Bürger wandelte sein Sparguthaben in Kriegsanleihen um, deren Mündelsicherheit ihm durch den Staat gewährleistet wurde. Jeder Vormund wurde sanft genötigt, das Barvermögen seines Mündels in Kriegsanleihen als dem höchstverzinslichen und mündelsicheren Papieren anzulegen.

Der unglückliche Kriegsausgang und die Geldentwertung in den Nachkriegsjahren hat die Vermögen der vielen, an welchen mancher Schweißtropfen klebte und die bei manchen die Ersparnisse saurer Arbeitsjahre waren, einfach verweht und sie um ihr Alles gebracht. 1915 ahnte man noch nichts von solchem Ausgang und war ehrlich begeistert.

Die Begeisterung und die patriotische Welle, die die deutschen Lande durchflutete, wurden von geschäftstüchtigen Leuten nach Kräften ausgenutzt. Ein patriotischer Kitsch wurde in den Handel gebracht, der zum Erbarmen war. Kein Aschbecher ohne das Drei-Kaiserbild, kein Teller ohne einen Kriegsspruch, keine Postkarte ohne schwarz-weiß-roten Rand – überhaupt alles und jedes mußte dazu herhalten, in geist- und sinnloser Weise patriotisch verkitscht zu werden. Das war ein Attentat auf den guten Geschmack, dem aber nicht beizukommen war. Diese Kriegsindustrie hat sich lange gehalten - jedem Menschen mit Empfinden ein Greuel.

Zur Sicherung der Volksernährung waren im Frühjahr 1915 die ersten Verordnungen ergangen. Sehr bald nachher waren die Schöffengerichte fast ausschließlich damit beschäftigt, die verschiedensten Vergehen gegen die Anordnungen zu ahnden. Da hatte ein Landwirt trotz Verbotes selbst Roggen geschrotet oder ein Bäcker hatte Backwaren aus Mehl hergestellt, die schwerer als 100 Gramm waren. Ein Berufsgenosse von ihm hatte Brot verkauft, das noch nicht 24 Stunden alt war, andere Landwirte hatten Roggen verfüttert oder falsche Angaben bei der Bestandserhebung gemacht.

Nach einigen Monaten machte sich die Spionagegefahr stärker geltend; es wurde angeordnet, daß die Briefe unverschlossen auszuliefern seien. In Bentheim richtete man eine Postüberwachungsstelle ein. Um dieselbe Zeit wurden in den einzelnen Orten Jugendkompagnien ins Leben gerufen. Unter Leitung ehemaliger Soldaten wurde darin die Jugend für den Kriegsdienst vorbereitet.

Ende Mai fanden in Nordhorn Kriegsmusterungen für die ganze Grafschaft statt. Die Zahl der Aushebungen war bedeutend, und die bald nachher erfolgenden Einziehungen ließ die Aufrechterhaltung der Wirtschaft allmählich schwieriger werden. Die Freizügigkeit der Arbeiter wurde als Folge davon eingeschränkt, die Kündigung an besondere Bedingungen geknüpft.

In Nordhorn erörterte man auch den Plan, Arbeiter aus Russisch-Polen heranzuziehen, die dann in Baracken untergebracht werden sollten. Es ist allerdings aus irgendwelchen Gründen nicht zur Ausführung gekommen. Auf dem Lande machte sich die Leutenot mehr und mehr geltend. Sie wurde überwunden in erster Linie durch die Frauen, die entschlossen und tapfer eingriffen, die schwerste Feldarbeit bewältigten und Haus und Hof in gutem Stand hielten.

Das Alter und die Jugend mußte auch eifriger tätig sein, als es in normalen Zeiten der Fall gewesen wäre, und zur Sicherung der Ernten wurden zuerst Kriegsgefangene (Russen und Belgier), als das wegen der Nähe der Grenze zu unliebsamen Erscheinungen führte, garnisondienstfähige Landsturmleute in die Grafschaft gesandt. Auch wurde die Landwirtschaft veranlaßt, sich in größerem Maßstabe als bisher der Maschinen zu bedienen; so richtete man in Wilsum beispielsweise eine Dampfdrescherei ein. Im Felde und namentlich in der Garnison stehende Landwirte erhielten, wenn angängig, auch vielfach Ernteurlaub.

Im Sommer und Herbst 1915 kamen die ersten Klagen über die Preissteigerungen. In Holland waren die Waren billiger als hier; die Schutzzollgesetze waren aufgehoben und es stand von deutscher Seite aus der Einfuhr von Lebensmitteln von jenseits der Grenze nichts im Wege. Sie wurde im Gegenteil sehr gern gesehen und so erlebten wir dann in mancher Beziehung eine Umkehrung der wirtschaftlichen Verhältnisse.

Während in Friedenzeiten die Waggons mit Mehl und Futtermitteln von Osten her in die Grafschaft gerollt waren und der Wirtschaftsgang so war, daß unsere Verbraucher diese Waren vom Großhändler in Osnabrück, Bremen oder anderwärts gekauft hatten, lieferten jetzt umgekehrt die Grafschafter Bäcker und Kaufleute holländische Lebensmittel waggonweise an die Großhändler im Lande, die begierige Abnehmer waren.

Auch als Holland seinerseits ein Ausfuhrverbot erließ, nahm die Einfuhr, die jetzt heimlich geschehen mußte, nicht wesentlich ab. Der gute Verdienst, den die holländischen Schmuggler hatten, ließ die Gefahr mit in Kauf nehmen. Die Mark war um diese Zeit bereits gesunken und wurde mit 50 Cent bewertet.

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Die Zahl der Kriegsgefangenen, die in den deutschen Lägern untergebracht waren, schwoll mehr und mehr an. Tausende wurden zu Ernte- oder Kulturarbeiten auf dem platten Lande untergebracht, von wo aus ein Fluchtversuch leicht möglich war. Die Bevölkerung wurde vor den herumschwärmenden Flüchtigen, von denen Gefahr für Haus und Hof, vor allem von Diebereien, befürchtet werden mußte, immer wieder gewarnt.

Es gelang hier sehr oft, entwichene Kriegsgefangene aufzugreifen, und groß war immer die Freude eines Zivilisten über solchen kriegerischen Erfolg in der sonst so friedlichen Grafschaft. Um den Flüchtigen nach Möglichkeit den Uebertritt auf holländisches Gebiet zu wehren, erhielten wir die Belegung mit Landsturmtruppen, die den Grenzschutz übernahmen. Trotz aller Wachsamkeit entwichen aber doch viele der Flüchtigen über die Grenze, wie holländische Nachbarzeitungen berichteten.

1915 erhielt Kloster Frenswegen eine Belegung mit 60 russischen Kriegsgefangenen und beherbergte damit wie 1870/71 eine Anzahl von Feinden, die das Geschick in deutsche Siegerhände gespielt hatte. Die Leute wurden zu Kultivierungsarbeiten für die Fürstl. Verwaltung verwandt! Eine große Wiese in der Nähe der Haltestelle Frenswegen nennt man nach ihnen noch heute die Russenwiese.

Es dauerte aber nicht so sehr lange, daß sie von der nächsten Nähe der Grenze, die nur einige hundert Meter von der Arbeitsstätte entfernt lag, wußten. Die Folgen waren Fluchtversuche, die teils gelangen. Daraufhin wurden die Russen wieder ins Innere Deutschland geschafft. Auf der Clausheide sind später lange Zeit Kriegsgefangene in beträchtlicher Zahl beschäftigt worden, bis auch bei einem Teil von ihnen die nahe Grenze, die ihnen jedenfalls auf irgendwelche Weise verraten worden war, den Freiheitsdrang mächtig werden ließ.

Mehrere wußten sich auf neutrales Gebiet zu retten. Das zweite Kriegsjahr, das in seinem Anfang die Brotkarte und die sonstigen Maßnahmen zur Sicherstellung der Brotgetreideversorgung gebracht hatte, brachte in seinem weiteren Verlauf mannigfache andere wirtschaftliche Maßnahme. So wurde die Schafwolle beschlagnahmt, nachdem schon durch eine sogenannte Reichswollwoche eine freiwillige Sammlung von Decken, Männer-, Frauen- und Kinderkleidung veranstaltet worden war.

Die Ergebnisse kamen teils dem Heer, teils den vertriebenen Ostpreußen und Elsässern zu Gute. Die Einschränkung des Fleischgenusses wurde vorbereitet, und zahllose Artikel taten dar, warum es nicht gut sei, viel Fleisch zu essen. Alle Gegenstände im Haushalt, die aus Kupfer, Messing und Reinnickel bestanden, mußten gemeldet werden. Das erste eiserne Notgeld, die „Kriegsfünfer“, tauchte auf, und viele andere Maßnahmen deuteten darauf hin, daß Kriegszeit Notzeit bedeutete.

Das wurde, als die ersten Beschlagnahmen von Haushaltsgegenständen ausgesprochen wurden, in seiner tieferen Bedeutung noch kaum erkannt. Noch sonnte man sich an den glänzenden Siegen des deutschen Heeres auf den Kriegsschauplätzen. Deren Zahl und Ausdehnung sich immer vergrößerte und die Grafschafter Jungen nicht allein nach Frankreich und Rußland, sondern auch nach Italien, nach Serbien, Rumänien, ja nach Palästina brachte.

Wir hatten den Weltkrieg. Blutige Schlachten wurden geschlagen, und bei Fahnenrauschen, Böllerschießen und Glockengeläut feierte man in der Heimat Sieg auf Sieg. Die Schrecken des Krieges wetterleuchteten aber auch bei uns; kein Tag verging, ohne daß eine Grafschafter Familie in tiefste Trauer gestürzt wurde; die Zeitung füllte sich immer mehr mit den Traueranzeigen der im Felde Gebliebenen.

Die Reservelazarette in Nordhorn und Neuenhaus erhielten ständig neue Pfleglinge, und als die bislang bei allen voraufgegangenen Musterungen als „untauglich“ befundenen Männer immer aufs neue wieder durchgemustert, als die Ansprüche an die Felddienstbarkeit immer geringer wurden, die Zahl der nicht feldgrau gekleideten Männer verschwindend klein geworden war – da biß man allmählich die Zähne zusammen in der Ahnung, daß der Krieg noch lange nicht vorbei sei und dem deutschen Volke noch schwere Opfer auferlegen werde.

War Ende 1915 das Kuchenbackverbot gekommen, so wurde das leicht verschmerzt. Einschneidender und drückender wurden die wirtschaftlichen Verhältnisse im Laufe der nächsten Kriegsjahre. Schon 1916 war durchaus nicht mehr rosig. In Nordhorn kam die Textilindustrie wegen Mangels an Baumwolle fast ganz zum Erliegen; ein Teil der Fabriken nahm die Massenherstellung von Sandsäcken auf und richtete große Nähereien ein, beschäftigte die Frauen auch als Heimarbeiterinnen mit Näharbeiten. Die um ihren Verdienst gekommenen Textilarbeiter erhielten besondere Textilarbeiter-Unterstützungen, die im Januar 1916 erstmalig ausgezahlt wurden.

Im Frühjahr trat in Groß-Nordhorn eine Kartoffelnot auf; Herr Gemeinde-Vorsteher Hoff-Frensdorf wurde persönlich in Berlin deswegen vorstellig und erwirkte auch mehrere Waggons. In der Grafschaft war der Bedarf damals einfach nicht zu decken. Die Ernte wurde großenteils als Viehfutter verwandt, und es wurde schon damals erwogen, ob nicht ein Teil der Schweine abgeschlachtet werden müsse.

Tatsächlich ist im Verlaufe des Jahres ein Massenmord unter dem Schweinebestande durchgeführt worden, eine Maßnahme, die sich später als kurzsichtig erwies und die Fettversorgung sehr beeinträchtigte.

Das Jahr 1916 war das des aufkommenden „Ersatzes“. Aus dem Heidemehl, zerriebenem Heidkraut, sollte Viehfutter gewonnen werden. In der Grafschaft wurde von Kriegsgefangenen die Heide auf großen Flächen abgemäht; das Heidemehl bewährte sich aber nicht. Anstelle von Stroh für die Schlafsäcke sollten die bei Neuenhaus in Massen wachsenden Binsen dienen.

Das Altstädter Stüw wurde von Landstürmen abgemäht; und nicht weniger als zwölf Waggon Binsen rollten ab. Der Oelfruchtanbau wurde in diesem Jahre erstmalig warm empfohlen. Nach sieben Jahre Pause wurde die Oelmühle Nordhorn 1916 wieder in Betrieb genommen. Tatsächlich ist er in der Grafschaft wieder in großem Umfange aufgenommen, ebenso wie der Flachsanbau im Kriege seinen früheren Einfluß zurückgewann.

Schon wurden Höchstpreise festgesetzt; die Eierversorgung wurde in die Hand der Gemeinden gelegt. In Berlin bildete sich, auch unter der Teilnahme eines Nordhorner Großindustriellen, eine „Kesselfaser-Gesellschaft“ mit dem Zweck, die Herstellung von Gespinsten aus Brennesseln durchzuführen.

Bild: Schüler der Altendorfer Schule bei der Brennnesselernte im Juli 1918 (Schulchronik Altendorfer Schule Bd. 3 )

Zwar wurden die Schulen zur Gewinnung großer Brennessel-Mengen mobil gemacht; von Erfolgen hat man wenig gehört, und Brennessel-Kleidung hat man wohl kaum getragen, während Papiergewebe in starkem Umfange als „Ersatz“ für Baumwollgewebe in die Erscheinung trat, nachdem für Web-, Wick- und Strickwaren das Bezugsscheinverfahren eingeführt war. Später wurde es weiter ausgedehnt, u.a. auch auf Schuhe.

Fleischkarten kamen im Oktober 1916 auf, das Fleisch hausgeschlachteter Tiere mußte darauf angerechnet und darum jede Schlachtung gemeldet werden. Das hatte natürlich eine Menge von heimlichen Schlachtungen zur Folge; man nannte das „Schwarzschlachten“. Wer dabei ertappt wurde, verlor das geschlachtete Tier und mußte einer Strafe gewärtig sein. Die zu unheimlicher Zahl anschwellenden Kriegsverordnungen ließ überhaupt jeden nur zu leicht mit den Gesetzen in Konflikt kommen und es machte sich deshalb ein starkes Mißtrauen gegen alle und jeden geltend.

Die Gefahr einer heimlichen Anzeige schärfte in allen Haushaltungen die Angst, und so mußte gar oft die Nacht die Schleier über manches decken, was das Tageslicht scheute und was doch der Landwirt als sein gutes Recht ansah.

In 1916 wurden die ersten Großstadtkinder, die besonders unter den Ernährungsschwierigkeiten der Städte litten, aufs Land geschickt, und auch die Grafschaft erhielt junge Gäste. Durch diesen Ferienaufenthalt der heranwachsenden städtischen Jugend hoffte man gleichzeitig das Verständnis zwischen „Stadt und Land“ zu bessern.

Wenn sich auch zwischen einzelnen Familien der Eltern und Pflegeeltern freundschaftliche Beziehungen anbahnte, so ist das erstrebte große Ziel im Allgemeinen doch nie erreicht. Die Gegensätze zwischen Erzeuger und Verbraucher waren besonders in den Notzeiten klaffend und nicht zu überbrücken. Die Landwirtschaft leistete aber tatsächlich bedeutende Opfer; sie wurde nie müde zu geben. Als beispielsweise von den Grafschafter geschlossenen Orten eine Aktion ausging, die „kleinen Leute“ mit billigen Mastferkeln zu versorgen, wurde diese Frage schnell und zu aller Zufriedenheit gelöst. Diese Hilfsbereitschaft der Landwirte zeigte sich immer wieder auch in den folgenden Jahren.

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Eine einschneidende Maßnahme wurde bald nachher verhängt. Die Gummiradreifen wurden beschlagnahmt und das Radfahren auf Gummibereifung von einer besonderen Erlaubnis abhängig gemacht. Die Folge dieser Anordnung waren Tausende von Gesuchen; denn der Grafschafter ohne Rad ist fast hülflos. Er war es auch tatsächlich besonders in diesen Zeiten. Wie sollte man die weiten Entfernungen zurücklegen, wie in Krankheitsfällen schnell zum Arzt oder zur Apotheke eilen!

Eine große Anzahl von den Gesuchen mußte infolgedessen genehmigt werden, mindestens für einen landwirtschaftlichen Betrieb ein Rad freigegeben werden. Eine Unzahl von Gummireifenersatz kam in den Handel; am einfachsten hatte ein Bauernknecht die Frage gelöst, indem er dickes Tau anstelle der Gummireifen auf die Räder gezogen hatte. Mit dieser Taubereifung kam er lustig in die Stadt gefahren. Er fand freilich wenige Nachahmer. Denn es gehörten zu solchem Sport auch Nerven wie Bindfäden.

Im Laufe des Sommers 1916 wurde die militärische Einquartierung in unserem Grenzstrich allgemein. In Neuenhaus lag der Stab des Oldenburger Landsturmbataillons X 18, in Nordhorn der des Braunschweiger Landsturmbataillons X 30. Von hieraus wurden die Grenzgemeinden mit Kommandos belegt, die Grenzdienst wahrnahmen.

Im Herbst 1916 war die Stimmung, die durch die lange Kriegsdauer ohnehin gesunken war, in der Grafschaft vielfach niedergedrückt. Man befürchtete den Eintritt Hollands in den Krieg. Die Sympathien des holländischen Volkes hatten von Anfang an zum größten Teil unsern Feinden gegolten; besonders der Durchmarsch durch Belgien hatte uns viel Gegnerschaft eingetragen.

Die niederländische Regierung hatte, so schwer ihr das auch manchmal von beiden Seiten gemacht worden war, trotz der Volksstimmung strenge Neutralität bewahrt. Jetzt hieß es aber, die Engländer wollten Holland durch ein Ultimatum zum Kriegseintritt zwingen. Viele Leute wurden hier so nervös, daß sie zu packen anfingen und ihre wertvollsten Habseligkeiten ins Innere des Landes zu schaffen begangen. Glücklicherweise bewahrheiteten sich jene Alarmgerüchte nicht, und die Grafschaft wurde nicht Kriegsschauplatz. Die Schützengräben, die unsere Landstürmer längs der Grenze ausgeworfen hatten, würden einen ernstlichen Vorstoß frischer feindlicher Kräfte wohl kaum aufgefangen haben.

Der Herbst 1916 brachte der Landwirtschaft eine größere Kartoffellieferungsauflage. 250 Waggon mußten zur Ablieferung kommen, und von jedem Morgen Anbaufläche waren 12 – 15 Zentner abzugeben. Das war ein mäßiger Prozentsatz; hatte der benachbarte Lingener Kreis pro Morgen doch 28 – 30 Zentner Auflage erhalten.

Die Geschäftswelt führte November 1916 den 8-Uhr-Laden-Schluß ein. Die verminderte Zahl der Käufer und die verringerten Warenbestände ließen diese Maßnahmen als durchführbar erscheinen. Frensdorf, die größte Versorgergemeinde des Kreises, gab außer den Einzelkarten im Winter die ersten Lebensmittelkarten aus und regelte dadurch die Abgabe sämtlicher Arten von Lebensmitteln.

In dieser Zeit wurde auch das Gesetz betr. „Vaterländischen Hilfsdienst“ verkündet, der alle Personen vom 17. bis zum 60. Lebensjahre in irgendeiner Form für den mittelbaren Kriegsdienst heranzuziehen ermöglichte. Er bedeutete die Durchführung des Hindenburg-Programms, das alle Kräfte für das eine Endziel, den Sieg, dienstbar machen wollte. In Wirklichkeit wurde das Programm nicht so wörtlich ausgeführt, aber mancher suchte doch schnellstens Beschäftigung bei irgend einer Dienststelle in der Nähe, um der Verwendung in anderen Orten und womöglich anderen Berufen zu entgehen.

Der Anfang des Jahres 1917 brachte weitere wirtschaftliche Maßnahmen. Wie groß der Mangel an allen Gebrauchsgegenständen zu werden drohte, erhellte die Bestandserhebung von Nähgarn, die angeordnet wurde. Den Landwirten war inzwischen außer dem Getreide auch Kartoffeln zu verfüttern verboten worden.

Das Schöffengericht hatte weitere unzählige Vergehen gegen die Kriegsgesetze zu ahnden. Man wußte bald selbst nicht mehr, was erlaubt und was verboten war. Wer sich wirklich den Ernährungsvorschriften bis zur letzten Folgerung unterwarf, mußte verhungern, und die Not führte die meisten dahin, auf Nebenwegen sich Nahrungsmittel über die ihnen zustehenden Mengen hinaus zu verschaffen.

Den schlechtesten Eindruck machte es, daß viele Personen, die in erste Linie berufen gewesen wären, nach den Vorschriften zu leben, für sich selbst keine Bindung anerkennen wollten. Immer noch kamen trotz aller Ausfuhrverbote Hollands Lebensmittel heimlich über die Grenze. Um sie der Allgemeinheit zugänglich zu machen, sollten sie restlos der Z.E.G. (Zentral-Einkaufs-Gesellschaft), die zur Organisation der Lebensmittel-Beschaffung ins Leben gerufen war, abgeliefert werden. Sie entsandte auch mehrere Vertreter in unsere Gegend, die wiederum Untervertreter ernannten und zwar meist Kaufleute in den Grenzorten, die die Waren von den Schmugglern übernahmen. Sehr bald wuchs sich dies System zu einem Skandal aus; es war öffentliches Geheimnis, daß die Waren zum größten Teil nicht der Allgemeinheit zu Gute kam.

Ueberhaupt, das Vertrauen schwand mehr und mehr, denn je größer die Not, desto mehr wuchs die Selbstsucht. Menschlich kann man das verstehen, aber es war doch ein Hauptgrund für den traurigen Ausgang des Krieges. Der Bevölkerung, die durch dauernde Nachmusterung der alten und jungen Männer in der Heimat in Nervosität blieb, die Tag für Tag Trauernachrichten empfing, die mehr und mehr unter Ernährungs- und sonstigen Schwierigkeiten litt, bemächtigte sich allmählich eine dumpfe Verzweiflung.

Dazu kam die furchtbare Kälte des entsetzlichen Winters 1917, der Kohlenmangel ließ die Torffeuerung wieder hochkommen. Täglich sah man Männer, Frauen und Kinder mit Wagen und Säcken Holz sammeln, um das allernötigste Brennmaterial sich zu verschaffen. Rücksichtslos griff man in der Not schließlich zur Axt und fällte die wertvollsten Nutzbäume, um der bitteren Kälte begegnen zu können.

Es war ein Winter vollen Mißvergnügens; Kartoffeln gingen aus und Steckrüben traten an ihre Stelle. Diese Steckrübenzeit ist der böseste Zeitabschnitt des Krieges wohl überhaupt gewesen. Schon damals stand die innere Widerstandskraft vor dem Ende. Aber, der entsetzliche Winter und der Vorfrühling gingen endlich dahin, und die Frühlingssonne, die neuen Erstlingsfrüchte im Garten und auf dem Felde gaben neuen Mut. Zur Ueberwindung dieser furchtbaren Monate wurden an die Landwirtschaft immer höhere Anforderungen gestellt. Ihr Lieferungssoll in Getreide, Kartoffeln, Steckrüben, Vieh, Butter, Milch wurde fortgesetzt erhöht, derartig erhöht, daß viele Gemeinden mit ihren Lieferungen stark im Rückstande blieben.

Im April 1917 wurde der Ausweiszwang im Grenzgebiet eingeführt, Spionagegefahr sollte die Ursache sein. In der Tat war unsere Gegend auch überschwemmt mit einem höchst anrüchigen Gesindel. Immer neue Fremdlinge tauchten auf, hielten sich einige Zeit irgendwo und verschwanden dann wieder, um einer doppelten und dreifachen Zahl Platz zu machen oder um nach einer Weile wieder zu erscheinen. Die meisten waren sicher keine Spione, sondern Geschäftemacher, übelster Art freilich.

Danebenher wurde die Grafschaft durchzogen von Großstädtern, hauptsächlich Bewohnern des Industriegebiets, die ihre immerhin noch viel schlechtere Lage durch das „Hamstern“ von Lebensmitteln bei den Bauern zu verbessern trachteten. Anfangs hatte man Mitleid mit den abgehärmten, vielfach zum Skelett abgemagerten Frauen und Kindern, und der Bauer gab ihnen umsonst oder zum mäßigen Preis Butter, Speck, Schinken, Kartoffeln und anderes.

Schließlich aber wußten betriebsame Leute aus dieser Not geborenen „Hamsterei“ ein blühendes Geschäft zu machen. Das „Schieben“ auch im Kleinen begann. In dieser Zeit kam der Ausweiszwang, d.h. jede hier ansässige Person hatte ständig einen behördlich ausgestellten Personalausweis mit sich zu führen.

Im Polizeibezirk Neuenhaus allein waren über 20 000 solcher Ausweise auszustellen. Um die erforderlichen Lichtbilder zu beschaffen, wurden fünf Militärphotographen in unsere Gegend gesandt, die durch Massenaufnahmen alle Niedergrafschafter auf die Platte bannten. Manches alte Väterchen und manches treue Mütterchen trat zum erstenmal im Leben auf diese Weise mit dem Photographen in Bekanntschaft. Das Photographieren auf den Dörfern soll oft recht lustig gewesen sein, weniger angenehm war nachher die strenge Durchführung des Ausweiszwanges. Er blieb bis nach dem Kriege bestehen, hat aber den Fremdenzufluß nur in seinen Anfängen empfindlich unterbunden.

Später befanden sich die übelsten Elemente im Besitze einer Zulassungskarte, die „rot“ war im Gegensatz zu den „grauen“ Karten der Einheimischen. Das Hindenburg Programm, das sämtliches Menschen- und Sachmaterial konsequent und systematisch in den Dienst des Krieges stellen wollte, um den ehrenvollen Ausgang des gewaltigen Ringens – wir standen gegen fast sämtliche Großmächte und Dutzende von Kleinstaaten im Kampfe! - zu erzwingen, erfaßte mehr und mehr alles, was dem Menschen persönlich lieb und wert war.

Von den abzuliefernden Hausgeräten, den drohenden Verlust sogar der messingnen Türklinken war schon nicht mehr die Rede. Daran hatte man sich schon gewöhnt. Bitter wurde die Bevölkerung aber, als im Juni 1917 die Kirchenglocken sogar beschlagnahmt wurden. Nur wenige, die ein besonderer Altertumswert schützte, entgingen dem Schicksal, in die Gießerei zu wandern. Alle anderen wurden aus den Türmen entfernt bis auf eine Notglocke, in der Regel die kleinste.

Schmerz und Trauer erfaßte die Mitglieder der Kirchengemeinden, als die ihnen liebgewordenen Glocken, die erzenen Rufer zur Kirche, bei freudigen und leidvollen Ereignissen, von ihnen scheiden mußten. Wehmut erfüllte die Herzen, und in den Abschiedsgottesdiensten quollen die Tränen reichlich. Wie soll's noch enden? Diese Frage wurde banger und banger, und weiter raste die Kriegsfurie. Väter und Söhne, die Ernährer ihrer Familie, die einzige Hoffnung betagter Eltern, sanken ins Grab – irgendwo. Keine Zeitungsnummer erschien ohne Spalten von Traueranzeigen.

Die Aufforderungen, Goldmünzen und Goldsachen überhaupt abzuliefern, wurden dringlicher. Die Aufrufe fanden vielfach Gehör, und viele Vaterlandfreunde brachten gern das Opfer, ihre Wertsachen auf dem Altar des Vaterlandes darzubringen. Viele hatten schon Wertvolleres geopfert, denn es gab fast keine Familie mehr, die nicht ein Mitglied betrauern mußte. Manche Familien verloren alle Söhne oder bekamen sie sterbenskrank, blind oder zerschossen, heim. Ein furchtbares Weh schritt durchs Land.

Die Ernährungsverhältnisse wurden dabei immer schwieriger, daher die Mahnung an die Landwirtschaft: Baut Raps, baut Flachs, baut dies und jenes! Im eigenen Interesse nahm die Landwirtschaft den vermehrten Anbau von Oelfrüchten und Gespinstpflanzen auch wieder auf, um selbst mit Fett und Kleidung versorgt zu sein und der Stadtbevölkerung das Durchhalten zu ermöglichen. Mancher verzweifelte in diesen Monaten, und Fälle von Fahnenflucht kamen leider schon ab und zu vor. Die Gelegenheit war Urlaubern hier auch leicht gemacht, der Weg nach Holland war nah.

Es waren aber doch nur Einzelne, die ihrem Fahneneide nicht treu blieben. Die Mehrzahl der Grafschafter kämpfte mit Hingebung und Bravour, und verläßlich und treu waren sie im Felde. Die Zahl der Auszeichnungen an Grafschafter Krieger schwoll immer mehr an, und viele konnten, wenn sie in Urlaub kamen, stolz das „Eiserne“ Erste auf der Brust zeigen. Von besonderen Heldentaten berichtete eine „Ehrentafel“, die die Heeresleitung herausgab, zahlreiche Grafschafter wurden darin angeführt. Ein Neuenhäuser Offizier erhielt sogar den „Preußischen Hohenzollernorden“, eine Auszeichnung, die sehr selten verliehen wurde und die auch nur dies einzige mal an einen Grafschafter fiel.

6

Als das Jahr 1918 heraufzog, waren nur noch so wenig Männer in der Heimat, daß die Frauen in Altendorf dem alten Jahre den Scheidegruß bringen mußten. Sie zogen die Glockenstränge, um das Recht, das Jahrhundertelang ihren Männern zugestanden hatte, in gewohnter Weise auszuüben.

Das Jahr begann hier schlecht. Hochwasser, wie es in Jahrzehnten nicht zu verzeichnen war, schreckte die Menschen. In Neuenhaus und Nordhorn erreichte das Wasser einen solch hohen Stand, daß die Straßen überflutet und der Verkehr teilweise mit Wagen, teilweise mit Pontons der Pioniere aufrechterhalten werden mußte. Mancher Anwohner in Nordhorn, beispielsweise des Strengs und in Altendorf der Rieke mußte Hab und Gut, Vieh und Hausgerät eilends in Sicherheit bringen. Man nahm es vielfach als schlechtes Zeichen.

Andere verlachten die trüben Prophezeiungen und glaubten immer noch an ein baldiges siegreiches Ende, hatte doch in Rußland die Revolution gesiegt und durfte man schon manchen aus russischer Kriegsgefangenschaft Heimkehrenden begrüßen.

Die Stimmung wurde aber wieder gedämpft, als zum ersten Mal eine bösartige Influenza, Grippe genannt, zu wüten begann und namentlich unter den soeben eingezogenen jüngsten Jahrgängen, blutjunge Knaben, zahlreiche Todesopfer forderte. Die Unterernährung, die mangelnde Pflege vielleicht ließ die Widerstandskraft der an der Grippe Befallenen in den Garnisonen bald erlahmen. Auch bei uns trat die Grippe bald auf; sie erwies sich als furchtbar ansteckend, und die Bevölkerung hatte zeitweise sehr unter der seuchenähnlich auftretenden Krankheit zu leiden. Es ist bezeichnend, daß Mitte Oktober – die Grippe herrschte das ganze Jahr verschieden heftig – die Schriftleiter und das gesamte technische Personal dieser Zeitung an Grippe erkrankt daniederlag und es nur mit Hülfe eines Urlaubers gelang, eine Notausgabe herauszubringen.

Die wirtschaftlichen Verhältnisse verschlechterten sich im Frühjahr 1918 wieder sehr. Die Schulen führten jetzt sogar Laubsammlungen aus. Das Laub der Bäume sollte zu Baummehl verarbeitet werden, um die kurzen Mehlvorräte zu strecken. Die Brotration wurde erheblich verkürzt, für Kartoffeln das Bezugsscheinverfahren eingeführt. Trotz des Ausweiszwanges entwickelte sich die Tätigkeit der gewerbsmäßigen Schleichhandel zu einer wahren Landplage.

Die Moral sank. Diebstähle, gewiß vielfach aus der Not geboren, waren an der Tagesordnung. Die Jugend wuchs heran, der erzieherischen Einwirkung des Vaters und Lehrers meist entratend. Mutter und Lehrerin hatten oft nicht den genügenden Einfluß auf die größeren Knaben und Jünglinge, die bei der Männerknappheit früh zur Geldverdienen und – Geldverprassen kamen.

Der großangelegte Durchbruchsversuch der deutschen Heere im Westen war nach glänzenden Anfängen, bei denen Wunder von Tapferkeit verrichtet wurden, stecken geblieben. Den unzähligen frischen Feindtruppen (insbesondere Amerika stellte frische tüchtige Kräfte), ihrer hundertfachen technischen Ueberlegenheit waren unsere abgekämpften Truppen, deren Ersatz immer schlechter geworden war, nicht gewachsen.

Unserm vergeblichen Vorstoß ließen die Feinde bald einen Gegenstoß folgen, der die deutschen Stellungen durchbrach und sie aufzurollen begann. Die Bulgaren schlossen einen Waffenstillstand; Oesterreich-Ungarn, die Türkei brachen zusammen, Deutschland stand allein, in Gefahr, daß der feindliche Druck den Einmarsch auf deutsches Gebiet erzwingen werde. Die politischen Ereignisse überstürzten sich, Neubildung des Kabinetts, der Friedensschritt beim amerikanischen Präsidenten, Abdankung des Kaisers, Ausrufung der Republik; es war offensichtlich, daß alles verloren sei.

Das Bekanntwerden des Waffenstillstands und später der Friedensbedingungen ließen auch hier grenzenlose Verzweiflung aufkommen. Jeder Deutsche fühlte sich tief gedemütigt. Alle Hingabe, alle Opferfreudigkeit waren vergeblich gewesen. Siegreich hatten unsere tapferen Heere die deutschen Fahnen auf allen Kriegsschauplätzen in Feindesland getragen.

Zu Lande, auf dem Meere, in der Luft hatten unsere Kämpfer Unerhörtes geleistet, und kein Heldenlied wird je laut genug die deutschen Ruhmestaten in den Jahren 1914-18 preisen können. Die Schuld an unserem Zusammenbruch tragen die wirtschaftlichen Maßnahmen der Feinde, die das deutsche Heer und Volk dem Hunger überlieferten und die gewaltige Uebermacht der Feinde, die sich immer mehr verstärkte, während unsere militärische und wirtschaftliche Kraft von Jahr zu Jahr, von Monat zu Monat, schließlich von Woche zu Woche abnahm.

Die Grafschaft Bentheim hat in den Kriegsjahren manches erlebt; auch sie wurde in den Strudel der Ereignisse gezogen. Das Ende des Krieges brachte nicht mit einem Schlage die Vorkriegsverhältnisse wieder. Die Umwälzung auf allen Gebieten ging zu tief, als daß auch ein abgelegenes Grenzländchen davon unberührt hätte bleiben können.

Bild: Nachruf für den Lehrer Martin Schünemann im Juli 918 (Schulchronik Altendorfer Schule Bd. 3 )

... Die Erinnerungszeilen seien mit der Mitteilung geschlossen, daß fast 3000 treue Söhne unserer Heimat dem Weltkriege zum Opfer fielen.

Quellen:

- Der Grafschafter Nr. 8 vom August 1924

- Der Grafschafter Nr. 9/1924

- Der Grafschafter Nr. 10/1924

- Der Grafschafter Nr. 11/1924

- Der Grafschafter Nr. 12/1924

- Der Grafschafter Nr. 1/1925.

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