Die Grafschaft Bentheim in der Geschichte

Der Reisebericht der drei "Podagristen" aus dem Jahr 1843 - 6. Teil

Die Steinbrüche von Gildehaus und das Bentheimer Bad

Im Jahre 1843 unternahmen die Herren Van der Scheer, Boom und Lesturgeon eine dreitägige Reise, die sie durch drei Königreiche führte: Von Coevorden im Königreich der Niederlande ging es zunächst über Neuenhaus, Nordhorn und Bentheim, die damals im  Königreich Hannover lagen, bis Burgsteinfurt im Königreich Preußen. Auf dem Rückweg wurden die Orte Schüttorf, Bentheim, Gildehaus, Neuenhaus und Wilsum angesteuert. Die Reisenden werden als die drei "Podagristen" (Gichtkranke) bezeichnet. Angeblich suchten sie Heilung im Bentheimer Bad. Doch sie hielten sich dort kaum auf. Hier der 6. Teil ihres ausführlichen Reiseberichts (leicht gekürzt):

Noch früh am Vormittag führte uns die Landstraße nach Gildehaus. ... Zu den berühmten Steingruben, deren Schutt schon von weitem sichtbar war, ging’s langsam bergab, bis wir plötzlich in einen Abgrund blickten. Tief zu unsern Füßen lagen die harten und verschieden geformten Blöcke, zwischen denen die Menschen sich wie kleine Wesen bewegten. Hammer- und Meißelklang drang an unser Ohr, die Splitter sahen wir weit abfliegen. Jeder Tag mit Ausnahme des Sonntags verkleinerte den Berg. In der Tiefe wischte uns ein Lehrling den nicht vorhandenen Staub von den Füßen. Mit dem Trinkgeld verschwand er eilends. Wir ließen uns den Wert der einzelnen Steine und verschiedenes andere erklären. Die Gruben gehören dem Fürsten.

Zwei sind von einem Herrn Hoon gepachtet, der allein 100 Arbeiter beschäftigt. Die Ausfuhr geht bis Rotterdam und Amsterdam; es ist schade, daß das Werk nicht an einem schiffbaren Wasser liegt. Auch der Pferde wegen. Es ist bedauerlich zu sehen, wie diese Tiere mühsam die schweren Lasten ziehen. Vier Pferde waren nötig, um drei Schweinetröge zu befördern, und das ging nicht ohne empfindliche Peitschenschläge.

Am Eingang des Dorfes begegnete uns der Lehrling; er hatte unser Trinkgeld gegen Schnaps eingetauscht und lief im Trabe an uns vorbei. Die Arbeiter im Steinbruch haben offenbar die geistigen Getränke notwendiger als manche Menschen das Haarlemer Oel und die abführenden Urbanuspillen. Der Weingeist soll Mund, Nase und Kehle und Magen vor Eindringen des Staubes schützen. Man sagt aber, daß die Steinhauer nicht alt werden. 

Dem .. Doktor Aschendorff verdankt Gildehaus viel; weit und breit ist sein Name bekannt, alle Zungen und Völker sind in seiner Sprechstunde vertreten; er besitzt Allheilmittel gegen alle Krankheiten, und es ist selten, daß einer nicht von ihm wiederhergestellt wird. Er tut Wunder. Seine Behandlungsart ist in den Regeln der Kunst begründet, er durchforscht den Körper und die Art der Krankheit. Machtwort und Zauberwort sind bei ihm gangbare Münzen. Leidende Menschen zu helfen, ist die einzige Triebfeder seiner Taten. Nicht zum Vorteil seines Geldbeutels, nein, mit Uneigennützigkeit tröstet er die Unheilbaren, nicht mit eitler Hoffnung, auch hält er sie nicht mit schönen Redensarten hin; er erklärt in solchen Fällen, daß gegen sie kein Kraut gewachsen sei. Alle Tage um die Mittagszeit ist Dr. Aschendorff als Badearzt tätig.

In Bentheim beglichen wir die Rechnung bei Frau Schön, schrieben unsere Namen ins Fremdenbuch, stiegen endlich nach einem Einkauf von drei Pfund Bentheimer Moppen wieder auf das Fahrzeug von Jan Stil, der seinem Hans inzwischen ein reichliches Frühstück verabreicht hatte. ... Die hellen Gebäude des Bades lagen im schönsten Vormittagssonnenschein. Bereits im Jahre 1711 ließ der Vormund des minderjährigen Grafen, ein Herr Franz von Manderscheidt, auf Anraten des Arztes Conhausen aus Coesfeld die Quelle fassen, die angeblich dadurch entdeckt sein soll, daß kranke Rehe von dem Schwefelwasser tranken.

Doch schon 1720 entfernte man die zeltartigen Gebäude trotz der empfehlenden Schrift von Cohausen und entgegen der Fürsprache des Landphysikus Schütte. Auch der bekannte Berliner Arzt Hufeland sprach sich 1810 sehr günstig über den Brunnen aus, und zehn Jahre später untersuchte der Apotheker Drees das Wasser auf seine Bestandteile. 1838 ist dann die Quelle auf Aschendorffs Betreiben als Bad eingerichtet.

Es gibt dort 19 Badezellen und 40 bis 50 Wohnräume. Das um die Mittagszeit ausgegebene Essen ist sehr gut, und auch abends gibt es warme Speisen. Zweimal täglich spielt die Musik, wofür von jedem Gast siebeneinhalb Cent täglich genommen wird. Durchreisende entrichten für den Genuß aus dem Reich der Töne nach Belieben. Für fünf bis sechs Gulden täglich kann man hier herrlich und in Freuden leben. 

Am Bentheimer Brunnen herrscht die stille Fröhlichkeit des Landlebens; das Bad gleicht nicht einem wüsten Jahrmarkt oder einem verschwenderischen Fürstenhof; es gibt dort keine Schaubühne, keine glänzenden Bälle oder ähnliche Zerstreuungen der großen Welt, der stille Genuß ersetzt alles. Das sinnige Landleben ist dienlicher für einen siechen Körper als stets wechselnder Sinnentaumel. 

Als wir vorbeifuhren, lag alles in tiefster Ruhe. Es war gerade Badezeit. Wir wünschen gutes Gedeihen dem Bade, langes Wirken dem Badearzt und den Hilfesuchenden den besten Erfolg. Wie werden aber unsere Nachkommen an die Wunderstätte gelangen? Sicher mit Wagen, die auf Schienen mit Dampfkraft gezogen werden oder auf Treträdern oder mit pferdelosen Kraftwagen oder gar mit lenkbaren Luftschiffen! Unter diesen Betrachtungen sagten wir dem lieblichen Fleckchen Erde Lebewohl.

Quelle:

Die Reisebeschreibung der drei Podagristen aus dem Jahr 1843, als PDF-Datei auf der Seite http://www.grafschaft-bentheim.de/cms/modules/files/download.php?id=781, abgenommen am 12. April 2012

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