In der "Franzosenzeit" wurde der Neuenhauser Friedhof außerhalb der Stadtgrenzen angelegt - Bild: B. Genzink
 

Reformen in der "Franzosenzeit"

 

Druckversion

 Befreiungskriege - Geschichte kompakt

Im Jahr 1913 beschrieb die Neuenhauser "Zeitung und Anzeigeblatt" die französische Besatzung als eine Zeit der Bedrängnis und des Niedergangs. Dennoch vermerkte der Schreiber der Artikelserie, die aus Anlass der 100jährigen Wiederkehr der Völkerschlacht bei Leipzig erschien, auch einige positive Auswirkungen. Die Verwaltung habe die gesundheitlichen Verhältnisse verbessert, mit vielen Missbräuchen, alten Vorurteilen und mancherlei Missständen aufgeräumt.

Zum Beispiel mussten die Misthaufen aus den Städten verschwinden, die oft genug in der Nähe der "Pütten", der Trinkwasserbrunnen also, angelegt waren und so das Grundwasser verseuchten. Alte stinkende Pfützen wurden beseitigt und Stiegen gereinigt. Bis dahin hatte die Neuenhauser Stadtverwaltung jeden Misthaufen mit einer geringen Steuer belegt. Der modrige Stadtgraben wurde gesäubert und erhielt einen Zufluss von der Dinkel.

Bis zur "Franzosenzeit" beerdigte man in Neuenhaus, Uelsen und Schüttorf die Toten mitten im Ort nahe der Kirchen. Die neuen Herren der Verwaltung ordneten an, die Friedhöfe nach außerhalb zu verlegen. So entstanden der Hagenfriedhof in Schüttorf, der Friedhof in Neuenhaus/Hilten und der Friedhof in Uelsen. Es wurden Totengräber angestellt und die Zechgelage verboten, die bis dahin von den Nachbarn der Verstorbenen aus Anlass der Beerdigung veranstaltet wurden. Die Zahl der Teilnehmer an Hochzeiten wurde auf 40 bis 50 Personen und die Dauer auf zwei Tage begrenzt.

Die Wege zwischen den Orten wurden verbessert und mit Gräben versehen. Es gab nun regelmäßige Postverbindungen, eine Gendarmerie und die Kinder der Honoratioren konnten in den Lateinschulen Französisch lernen. Standesämter registrierten nun Geburten, Hochzeiten und Beerdigungen. Bekanntmachungen wurden nicht mehr von der Kanzel, sondern vor der Kirche verlesen.

1807 fanden erstmals Musterungen für den Dienst in der französischen Armee statt. Viele junge Männer weigerten und versteckten sich. Daher wurden die Neuenhauser Bürgervorsteher Drees und Köhler verpflichtet, die Rekruten persönlich in Düsseldorf abzuliefern. Zurückstellungen wurden höchstens für ein halbes Jahr gewährt. Den Eltern und Geschwistern Desertierter legte man zur Strafe Einquartierungen ins Haus, neu geborene Kinder mussten nun innerhalb von zwei Tagen nach der Geburt dem "Maire", dem Bürgermeister, vorgezeigt werden um zu verhindern, dass Jungen als Mädchen ausgegeben wurden.

Die neue Verwaltung verbot das Beyern in der Weihnachtszeit und das Neuenhauser Schützenfest. Der Geburtstag Napoleons, der Tag der Kaiserkrönung und der Jahrestag des Sieges bei Austerlitz hingegen wurden festlich begangen.

Die Klöster Wietmarschen und Frenswegen wurden aufgehoben, ein großer Teil des Grundbesitzes verkauft. Die Städte und Gemeinden litten unter den finanziellen Ansprüchen der Besatzungsmacht, der Schuldenstand stieg. Irgendwann überstiegen die Zinsen die Einnahmen und die wirtschaftliche Tätigkeit ging stark zurück. Dies galt auch für die benachbarten Niederlande, die unter der gegen Großbritannien gerichteten Kontinentalsperre besonders litten.

Im Juni 1812 brach Napoleon mit der "Grande Armée" nach Russland auf. Von den 560.000 Soldaten kamen nur etwa 335 .000 aus Frankreich, der Rest bestand aus gepressten Rekruten aus den besetzten Gebieten, darunter auch zahlreiche junge Männer aus der Grafschaft Bentheim. Die Truppen des Zaren zogen sich zurück. Napoleon erreichte am 14. September 1812 die Hauptstadt Moskau, die jedoch von den Russen in Brand gesteckt worden war. Hunger, Krankheiten, die Kosaken des Zaren, besonders aber der unerbittliche russische Winter dezimierten die französische Armee. Napoleon befahl den Rückzug, seine Armee erlitt im November 1812 eine vernichtende Niederlage an der Beresina. Nur etwa ein Drittel der Soldaten der "Grande Armee" überlebte den Feldzug.

Das Jahr 1813 war das Jahr der "Befreiungskriege". Preußen verbündete sich mit Russland und Schweden. In der Völkerschlacht bei Leipzig im Oktober 1813 erlitt eine neu aufgestellte französische Armee eine weitere Niederlage. Der Rheinbund, der bis dahin Napoleon unterstützt hatte, löste ich auf. Im April 1814 dankte Napoleon ab und verbrachte einige Monate auf der Insel Elba. Nach 100 Tagen versuchte er, das Blatt erneut zu wenden, kehrte nach Frankreich zurück, stellte noch einmal eine Armee zusammen und wurde in der Schlacht bei Waterloo im Juni 1815 endgültig besiegt.

In der Grafschaft kam das Ende der französischen Besatzung im November 1813. Mehr als 1500 Kosaken erschienen in Neuenhaus, die französische Garnison in Coevorden wurde belagert. Den Kosaken folgte im Dezember ein Heer von 15 000 Soldaten unter dem Befehl des Generals von Winzigerode.

Im Februar 1914 befahl die Verwaltung des Herzogtums Braunschweig-Lüneburg die Aufstellung von vier Kompanien eines Landwehrbataillons, dem 600 junge Grafschafter Männer angehörten. Auch sie wurde gegen die Coevordener Garnison eingesetzt, die sich nocu immer hielt. Im Sommer zog das Bataillon nach Belgien, nahm an der Schlacht bei Waterloo allerdings nicht teil. Es trug nach einem Bericht des Wilsumer Pastors Visch zum Siege bei, "indem es den Weg bewachte und die Franzosen hinderte, seitlich durchzudringen". - AB

© Hamsterkiste Verlag