Die Grafschaft Bentheim in der Geschichte

Freiheitsbäume in Neuenhaus

Im Februar 1795 tauchten französische Revolutionstruppen auch vor Neuenhaus auf. Vermutlich verfolgten sie englisch-hannoversche Einheiten, die bis Mitte Februar 1795 in mehreren Schüben durch die Grafschaft zogen. Sie bekämpften auch einen militärischen Verband französischer Emigranten, der in Neuenhaus und in den umliegenden Dörfern Quartier genommen hatte.

Am 24. Februar 1795 kam es am Uelser Tor zu Schießereien zwischen den Emigranten, die sich in der Stadt aufhielten, und den Truppen der französischen Republik. „De muskettenkogels der Fransen vlogen op de pannen van’t stadthuis en door die glaasen en pannen van verschijdene Burgerhuizen“, notierte der Neuenhauser Stadtschreiber Tormyn. Die Emigranten zerstörten die Brücke über die Dinkel, gaben jedoch schließlich auf und entfernten sich in Richtung Nordhorn.

Die Revolutionstruppen rückten in die Stadt ein, verließen sie allerdings schon am nächsten Morgen. Die Emigranten kehrten zurück, wurden am 3. März jedoch endgültig vertrieben. Die Burg Bentheim wurde im März 1795 von Truppen des französischen General Vandamme beschossen. Die britisch-hannoverschen Truppen, die sich in der Burg aufhielten, wurden zum Abzug gezwungen.

Die Bentheimer Landstände schlossen einen Vertrag mit dem General. Danach sollte die Grafschaft als neutrales Gebiet betrachtet werden. Die Revolutionstruppen hielten sich mehr als ein Jahr, bis zum 24. August 1796, ununterbrochen in Neuenhaus auf. Sie verlangten Unterbringung und Versorgung, wie schon vor ihnen die englisch-hannoverschen Truppen und die Kämpfer auf Seiten der königstreuen Emigranten.

Neuenhaus konnte diese Versorgung allein nicht leisten, obwohl die Stadt eine große Schuldenlast anhäufte. In den Unterlagen des Huisarchief Twickel finden sich einige Anweisungen und Quittungen zur Lieferung von Brot und Fleisch und zur Bereitstellung von Quartieren aus und in Lage. Schon am 30. Januar 1795 wurde Richter Zegers aufgefordert, für 25 englische Offiziere, 400 Mann und 100 Pferde Quartier zu machen, „auch ist zu empfehlen, Sorge zu tragen, dass Lebensmittel für den Unterhalt in Vorrat sind“.

Am 2. März erteilte der Kommandeur des Regiments von Wittgenstein die Order, Brot, Brandwein, Lichter und Fleisch herauszugeben. Am 6. März teilte Stadtschreiber Tormyn mit, dass das verlangte Brot und das Fleisch bis zum anderen Morgen früh um fünf Uhr in Neuenhaus abgeliefert werden müssten.

Am 7. März lieferte Lage 200 Brote zu je 3 Pfund nach Neuenhaus, am gleichen Tag wurde die Abgabe von 395 Pfund Fleisch und 147 Broten bestätigt. Schreiber Tormyn kündigte am 9. März die Einquartierung von 175 Dragonern in Lage an. Am 22. April 1795 erging an die Lager Bauern Gryp, Aalert, Vrielmann, Kuyper und Knief der Befehl, „morgen früh um sechs Uhr sich bei der Kirche in Lage bereit zu halten mit 2 Wagen, jeder mit 2 Pferden, um für die Garnison in Lage von Coevorden Fleisch und Brot zu holen und in der Folge alle 6 Tage“.

Bezahlt wurde mit französischen Assignaten, einem weitgehend wertlosen Papiergeld. Noch viele Jahrzehnte später fand man Mengen davon im Neuenhauser Stadtarchiv. Die erste französische Einquartierung kostete die Stadtkasse insgesamt mehr als 22 600 Gulden. Es wurden 25.446 Pfund Fleisch, 19.464 Brote zu je 3 Pfund, 14.470 Rationen Stroh zu je 10 Pfund, 201 Pfund Talglichter und 10 ½ Tonnen Bier geliefert.

Vermutlich entstand in diesen Monaten die Zeichnung über dem Kamin im alten Rathaus von Neuenhaus. Es zeigt einen Korporal, der einen Untergebenen in das regelgerechte Marschieren einweist. "Il manque un pouce" steht darunter. "Es fehlt ein Zoll". Der Soldat war deshalb wohl zu einigen Tagen Arrest verurteilt und fertigte in dieser Zeit die Zeichnung an.

Die Botschaft von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit fiel angesichts der Belastungen auf steinigen Boden. Laut Stadtschreiber Tormyn hatten in Neuenhaus am „16. Juni Diensdags namiddags, die Militairen alhier op de Markt onder het geluyt van alle klokken een zoogenaamde Vrijboom opgericht, warbij eenige Burgers (zoogenaamde Patrioten) geassisteert hebben“.

Es ist wenig wahrscheinlich, dass die Bevölkerung unter den Umständen der Besatzung darauf mit Wohlwollen reagierte. Als die französischen Truppen im Sommer 1796 Neuenhaus verließen, hackte man die aufgerichteten Freiheitsbäume unverzüglich um.

Dieses Wandbild über dem Kamin im alten Rathaus von Neuenhaus erinnert an die "Franzosenzeit". Ein Korporal misst die Schrittlänge eines Rekruten. "Il manque un pouce" (Es fehlt ein Zoll) - Bild: GG

Quelle:

- Lage - Geschichte und Geschichten, herausgegeben von den Dorf-, Burg und Mühlenfreunden Lage e.V., Lage 2008

- Heinrich Voort, Von der freien Reichsgrafschaft zur hannoverschen Pfandherrschaft, in: Die Grafschaft Bentheim - Geschichte und Gegenwart eines Landkreises, Bad Bentheim 2010

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