Die Grafschaft Bentheim in der Geschichte

Dieses Wandbild über dem Kamin im alten Rathaus von Neuenhaus erinnert an die "Franzosenzeit". Ein französischer Korporal misst die Schrittlänge eines Rekruten. "Il manque un pouce" (Es fehlt ein Zoll) - Bild: GBiU

Freiheitsbäume in Neuenhaus

Die Grafschaft Bentheim und die Französische Revolution 

Die Zeit zwischen 1795 und 1815 wird in der Grafschaft Bentheim gemeinhin die „Franzosenzeit“ genannt. Die Einschätzung dieser Zeit in älteren Veröffentlichungen ist wenig positiv. „In Neuenhaus rückten die ersten Franzosen unter dem General Reynier am 24. Februar 1795 ein. Als die letzten im Winter 1813/14 unsere Grafschaft verließen, war der Wohlstand ruiniert“, schrieb die Neuenhauser „Zeitung und Anzeigenblatt – Kreisblatt für die Grafschaft Bentheim“ im April 1913 dazu, 100 Jahre nach der „Völkerschlacht“ bei Leipzig. 

Und auch in dem umfangreichen 2010 erschienenen Bänden "Die Grafschaft Bentheim - Geschichte und Gegenwart eines Landkreises" wird der Einmarsch als Folge "der von Napoleon unternommenen Eroberungszüge" dargestellt. Die Wahrheit ist differenzierter: Der Einmarsch der Franzosen im Jahr 1795 erfolgte im Rahmen des so genannten 1. Koalitionskrieges, an dem der österreichische Kaiser, der König von Preußen und der König von England, der zu der Zeit auch Regent in der Grafschaft Bentheim war, entscheidend beteiligt waren.

Der französische König Ludwig XVI. war verheiratet mit Marie Antoinette, der Schwester des österreichischen Kaisers Leopold II. Marie Antoinette wandte sich an ihren Bruder mit der Bitte, der Revolution mit militärischen Mitteln entgegen zu treten. Im Juni 1791 floh die königliche Familie aus dem bewachten Pariser Stadtschloss. Ludwig wollte die Österreichischen Niederlande erreichen, das heutige Belgien, um von dort die Restauration seiner Herrschaft zu betreiben. Kurz vor der belgischen Grenze wurde er gestoppt und nach Paris zurückgebracht.

Kaiser Leopold II. und der preußische König Friedrich Wilhelm II. verabredeten unterdessen, militärisch zugunsten des französischen Königs im Rahmen einer Koalition europäischer Mächte einzugreifen. Offenbar in der Erwartung, seine eigenen französischen Truppen hätten den Österreichern und Preußen wenig entgegenzusetzen um danach die Revolution wieder zurückdrängen zu können, erklärte Ludwig XVI. im April 1792 den Krieg gegen Österreich, dem sofort die preußische Kriegserklärung gegen Frankreich folgte.

Oberbefehlshaber der preußisch-österreichischen Truppen war Carl Ferdinand von Braunschweig, der Schwager des englischen Königs Georg III. Dieser wiederum war auch Kurfürst von Braunschweig-Lüneburg, dem späteren Königreich Hannover, und zu der Zeit auch Landesherr der Grafschaft Bentheim.

In der "Kanonade von Valmy" (1792) siegten französische Revolutionstruppen die Truppen der anderen europäischen Mächte - Stich um 1792, Bibliotheque Nationale in Paris

Anfang August 1792 wurde in Paris eine Erklärung Carl Ferdinands bekannt. Danach sollte der französische König aus der Gefangenschaft befreit und in seine alten Rechte wieder eingesetzt werden, den Verantwortlichen in Paris drohte man mit der Todesstrafe. Nach heftigen Unruhen beschloss daraufhin die Nationalversammlung die Absetzung des Königs. Am 20. September 1792 kam es zu einem Artillerieduell zwischen französischen Revolutionstruppen und den Truppen der anderen europäischen Mächte bei dem kleinen Ort Valmy. Die Franzosen behielten die Oberhand und der deutsche Dichter J. W. Goethe, der an dem Feldzug teilgenommen hatte, hielt fest: „Von hier und heute geht eine neue Epoche der Weltgeschichte aus, und ihr könnt sagen, ihr seid dabei gewesen." Durch diesen militärischen Erfolg war die äußere Bedrohung für die Revolution zunächst vermindert.

Als man in einem Geheimschrank belastende Korrespondenz Ludwigs XVI. mit Emigranten und revolutionsfeindlichen Fürsten entdeckte, klagte man den König wegen Hochverrats an. Das Urteil, das der Nationalkonvent mit einer Stimmenmehrheit von 361 : 360 fällte, lautete auf Tod durch die Guillotine. Am 21. Januar 1793 wurde Ludwig hingerichtet, Marie Antoinette folgte einige Monate später. Am englischen Hof legte man auf diese Nachricht hin Trauerkleidung an, der französische Gesandte wurde ausgewiesen. Premierminister Pitt organisierte eine Koalition europäischer Mächte gegen das republikanische Frankreich. Die Niederlande wahrten Neutralität, waren aber wichtige Geldgeber für Großbritannien, dessen König wie erwähnt auch Landesherr der Grafschaft Bentheim war. Durch die enge Anlehnung an England wurden die Niederlande in den Krieg hinein gezogen. 

Am 26. Juni 1794 kam es zu einer Schlacht beim belgischen Ort Fleurus. Die zahlenmäßig überlegenen französischen Revolutionstruppen besiegten ein Heer der Koalitionsmächte. Im Winter 1794/95 marschierten französische Truppen in die Vereinigten Niederlande und nahmen Amsterdam ein.

Die Niederlande, eigentlich eine Republik bereits seit 1581, wurden zu der Zeit von einer kaufmännisch orientierten Aristokratie und dem Haus Oranien geführt. Im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts traten dort zunehmend so genannte Patrioten auf, die sich an den Ideen der Aufklärung orientierten. 

Noch vor dem Ende der Kämpfe riefen Anhänger der Patrioten in den Niederlanden die „Batavische Republik“ aus. Im Mai schlossen Frankreich und diese neue Republik einen Friedensvertrag, der den Franzosen unter anderem erlaubte, auf niederländischem Gebiet eine Armee von 30.000 Mann zu stationieren, die sich durch Kontributionen finanzierte.

Im Februar 1795 tauchten französische Revolutionstruppen auch vor Neuenhaus auf. Vermutlich verfolgten sie englisch-hannoversche Einheiten, die bis Mitte Februar 1795 in mehreren Schüben durch die Grafschaft zogen. Sie bekämpften auch einen militärischen Verband französischer Emigranten, der in Neuenhaus und in den umliegenden Dörfern Quartier genommen hatte. Am 24. Februar 1795 kam es am Uelser Tor zu Schießereien zwischen den Emigranten, die sich in der Stadt aufhielten, und den Truppen der französischen Republik. „De muskettenkogels der Fransen vlogen op de pannen van’t stadthuis en door die glaasen en pannen van verschijdene Burgerhuizen“, notierte der Neuenhauser Stadtschreiber Tormyn. Die Emigranten zerstörten die Brücke über die Dinkel, gaben jedoch schließlich auf und entfernten sich in Richtung Nordhorn. 

Die Revolutionstruppen rückten in die Stadt ein, verließen sie allerdings schon wieder am nächsten Morgen. Die Emigranten kehrten zurück, wurden am 3. März jedoch endgültig vertrieben. Die Burg Bentheim wurde im März 1795 vom französischen General Vandamme beschossen. Die britisch-hannoverschen Truppen, die sich in der Burg aufhielten, wurden zum Abzug gezwungen. Die Bentheimer Landstände schlossen einen Vertrag mit dem französischen General Vandamme, dem zufolge die Grafschaft als neutrales Gebiet betrachtet werden sollte, dennoch hielten sich Revolutionstruppen mehr als ein Jahr, bis zum 24. August 1796, ununterbrochen in Neuenhaus auf. Sie verlangten Unterbringung und Versorgung, wie schon vor ihnen die englisch-hannoverschen Truppen und die Kämpfer auf Seiten der königstreuen Emigranten.

Neuenhaus konnte diese Versorgung allein nicht leisten, obwohl die Stadt eine große Schuldenlast anhäufte. In den Unterlagen des Huisarchief Twickel finden sich einige Anweisungen und Quittungen zur Lieferung von Brot und Fleisch und zur Bereitstellung von Quartieren, die Lage betreffen. Schon am 30. Januar 1795 wird Richter Zegers aufgefordert, für 25 englische Offiziere, 400 Mann und 100 Pferde Quartier zu machen, „auch ist zu empfehlen, Sorge zu tragen, dass Lebensmittel für den Unterhalt in Vorrat sind“.

Nachricht des Neuenhauser Stadtschreibers Tormyn vom 9. März 1795 an Richter Zegers: "Auf Befehl des Herrn Obersten der Dragoner wird dem Herrn Richter zu Lage hiermit angekündigt, dass heute Mittag 175 Dragoner zur Einquartierung dort einrücken werden".

Am 2. März erteilt der Kommandeur des Regiments von Wittgenstein die Order, Brot, Brandwein, Lichter und Fleisch herauszugeben. Am 6. März teilt Stadtschreiber Tormyn mit, dass das verlangte Brot und das Fleisch bis zum anderen Morgen früh um fünf Uhr in Neuenhaus abgeliefert werden müssen.  Am 7. März liefert Lage 200 Brote zu je 3 Pfund nach Neuenhaus, am gleichen Tag wird die Abgabe von 395 Pfund Fleisch und 147 Broten bestätigt. Schreiber Tormyn kündigt am 9. März die Einquartierung von 175 Dragonern in Lage an. Am 22. April 1795 wird den Lager Bauern Gryp, Aalert, Vrielmann, Kuyper und Knief befohlen,  „morgen früh um sechs Uhr sich bei der Kirche in Lage bereit zu halten mit 2 Wagen, jeder mit 2 Pferden, um für die Garnison in Lage von Coevorden Fleisch und Brot zu holen und in der Folge alle 6 Tage“.

Bezahlt wurde mit französischen Assignaten, fast wertlosem Papiergeld. Noch viele Jahrzehnte später fand man Mengen davon im Neuenhauser Stadtarchiv. Die erste französische Einquartierung kostete die Stadtkasse insgesamt mehr als 22 600 Gulden. Es wurden 25.446 Pfund Fleisch, 19.464 Brote zu je 3 Pfund, 14.470 Rationen Stroh zu je 10 Pfund, 201 Pfund Talglichter und 10 ½ Tonnen Bier geliefert.

Ein "Freiheitsbaum", wie er nach der französischen Revolution auch in Neuenhaus aufgestellt wurde. Dieser hier stand in der Mosellandschaft an der Grenze zwischen dem Herzogtum Luxemburg und der Französischen Republik mit dem Ort Schengen im Hintergrund. Ein Aquarell über Feder- und Bleistiftzeichnung von J.W. Goethe (1792)

Die Botschaft von „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit“ fiel so auf steinigen Boden. Laut Stadtschreiber Tormyn hatten in Neuenhaus am „16. Juni Diensdags namiddags, die Militairen alhier op de Markt onder het geluyt van alle klokken een zoogenaamde Vrijboom opgericht, warbij eenige Burgers (zoogenaamde Patrioten) geassisteert hebben“. Es ist wenig wahrscheinlich, dass die Bevölkerung unter den Umständen der Besatzung mit Beifall reagierte. Als die französischen Truppen im Sommer 1796 Neuenhaus verließen, hackte man die aufgerichteten Freiheitsbäume unverzüglich um.

Quelle: 

- Lage - Geschichte und Geschichten, herausgegeben von den Dorf-, Burg und Mühlenfreunden Lage e.V., Lage 2008

- Heinrich Voort, Von der freien Reichsgrafschaft zur hannoverschen Pfandherrschaft, in:  Die Grafschaft Bentheim - Geschichte und Gegenwart eines Landkreises, Bad Bentheim 2010

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