Die Grafschaft Bentheim in der Geschichte

Was ist reformiert?

Alle Flüchtlinge, die nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem Osten kamen und auch in die Grafschaft strömten, waren nur „evangelisch“ oder katholisch. Die Evangelischen konnten oft nicht sagen, ob sie reformiert oder lutherisch waren. Bei den Einwohnermeldeämtern gab es ein einfaches Verfahren, um den Unterschied herauszufinden.

Man fragte die evangelischen Christen, wie denn bei ihnen das Gebet das Herrn anfängt? War die Antwort hier: „Unser Vater“ – dann waren sie reformiert, sagte jemand: „Vater unser“ – dann war er lutherisch.

Reformiertes Gemeindeleben ist vor allem geprägt vom Wort, von der Bibel und der Predigt. Man wird in den Kirchen keine Bilder und Heiligenfiguren finden. Reformierte zeichnen kein Kreuz auf Stirn oder Brust.

In den alten ehemals katholischen Kirchen in der Grafschaft Bentheim verschwanden nach 1588 die Altäre, die Predigtkanzel im Chorraum oder an einer Längsseite bildete nun den zentralen Mittelpunkt der Kirche.

Die Reformierte Theologie wurde begründet von dem Schweizer Ulrich Zwingli und Johannes Calvin oder Jean Cauvin, einem Franzosen. Zwingli (1484 bis 1531) begründete die reformierte Lehre in Zürich. Calvin lebte von 1509 bis 1564. Er wirkte vor allem in Frankreich und der Schweiz, besonders in der Stadt Genf. Abgeleitet von seinem Namen spricht man auch vom Calvinismus.

Reformierte liebten und lieben den Psalmengesang. Die Gemeindeglieder kennen bereimte biblische Psalmen ganz oder teilweise auswendig. Reformierte und Altreformierte haben als einzige in Deutschland im Evangelischen Gesangbuch vorweg die 150 Psalmen eingebunden. Im Durchschnitt besteht die Hälfte der Lieder in einem reformierten oder altreformierten Gottesdienst aus den bereimten Psalmen.

Die reformierten Kirchen kennen keine Bischöfe oder Päpste. Wichtige Entscheidungen werden heute von Synoden getroffen, also Versammlungen von Abgeordneten aus den Kirchenräten, die jährlich oder halbjährlich national oder international zusammentreten. Die Ämter in den Gemeinden sind alle gleichwertig und gleichrangig und im Kirchenrat vertreten, nämlich Älteste, Prediger und Diakone. Alle drei Ämter werden seit etwa 1970 in reformierter und altreformierter Kirche mit Männern und Frauen besetzt.

Eine besondere Bedeutung in reformierten Gemeinden kommt dem Heidelberger Katechismus von 1563 zu. Er behandelt in 129 Fragen und Antworten nach einer kurzen biblischen Einführung das Apostolische Glaubensbekenntnis, die beiden reformierten Sakramente Taufe und Abendmahl, die Zehn Gebote und das Unser Vater Gebet.

Im Gegensatz zu den Lutheranern kennen Reformierte kein weltweit verbindliches Bekenntnis und keine einheitliche feste Struktur. In Ungarn und Rumänien werden sogar Bischöfe ernannt.

Zur Evangelisch-reformierten Kirche (ERK), die in Bayern und Nordwestdeutschland verbreitet ist, zählen rund 173 500 Gemeindeglieder in 145 Gemeinden, ein Viertel davon in der Grafschaft Bentheim. Hier gibt es 15 reformierte Gemeinden.

Die ERK ist eine von den 20 evangelischen Landeskirchen in der EKD (Evangelische Kirche Deutschlands). Auch die Lippische Landeskirche ist reformiert, sie hat ebenfalls rund 200 000 reformierte Glieder. Im Rheinland und in Westfalen bestehen eine Reihe reformiert geprägter Gemeinden, die zur unierten, also vereinten Kirche gehören. Die Union zwischen Lutheranern und Reformierten entstand in vielen Ländern im 19. Jahrhundert.

 Das Innere einer reformierten Kirche (hier in Lage) ist schlicht. Im Mittelpunkt steht die Predigtkanzel - Bild: GG

 Das Innere einer katholischen Kirche (hier in Neuenhaus) ist durch Bilder und durch die Ausrichtung auf den Altar geprägt - Bild: GG

Quelle:

-  Gerrit Jan Beuker, Vortrag vor dem Verein für Geschichte und Gegenwartsfragen der Brüdergemeine am 1. Oktober 2004 in Neugnadenfeld, Zahlen aktualisiert

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