Die Grafschaft Bentheim in der Geschichte

 

Die Wölfin in der Pferdekrippe - Zeitzeugenberichte

Johan Picardt wurde 1600 in Bentheim geboren, 1670 ist er in Coevorden gestorben. Er war Pastor, studierte an der Universität Leiden Medizin und beschäftigte sich außerdem mit landwirtschaftlichen Problemen. 1647 wurde er vom Bentheimer Grafen Ernst Wilhelm zum "Directeur" des Hochmoores berufen.  Auf ihn gehen die Kultivierung von Osterwald und des heutigen Georgsdorf zurück. 

Ihm verdanken wir einen der wenigen Zeitzeugenberichte aus der Zeit des 30jährigen Krieges:

Die teure Zeit, Mangel an allem, Frost und Regen zwangen die armen Soldaten zu rauben und zu stehlen. In Eschebrügge, Laarwald, Emlichheim und den umliegenden Orten wurden alles Vieh, Korn und andere Güter geraubt. Auch ihr schönes Holz wurde ihnen weggenommen. ... Die umwohnenden Familien waren ganz und gar ausgeplündert und geflüchtet. Die streunenden und bettelnden Soldaten verbreiteten die Lagerkrankheit, so dass ganze Familien ausstarben. ... So weiß man z. B., dass zwei Bauernhöfe in Wilsum in dieser Zeit ganz verwüstet wurden. Auch sagt die Überlieferung, dass einige Einwohner bei ihrer Wiederkehr ... den Herd mit Gras bewachsen vorfanden und dass eine Wölfin ihre Jungen in einer Pferdekrippe geworfen hatte. Viele Menschen hatten ihr Geld in der Erde vergraben; sie starben darüber hinweg.

Der Uelser Prediger Gerhard Perinzonius berichtete in einer Dankespredigt aus dem Jahr 1651:

Außer der Einquartierung litten wir schrecklich durch die Brandschatzungen. Wenn wir die uns aufge­legte Last an Geld oder Lebensmitteln nicht zur bestimmten Zeit auf den festgesetzten Platz besorgten, … dann wurden auf der Stelle Soldaten aus der jeweiligen Garnison gesandt, die uns elendiglich behandelten. 

Häufig erlitten wir die Vollstreckung von verschiedenen Garnisonen und auch von beiden Kriegführenden Parteien zweimal an einem Tage, auch wohl siebenmal innerhalb von 8 Tagen. Die eine Partei raubte unsere Pferde, Schafe und Rinder, die andere nahm Mann, Frau und Kinder und was man sonst noch mitnehmen konnte. Die Gefangenen wurden nach den Garnisonsorten geführt und viele in die Gefängnisse eingesperrt, wo ihnen das Lachen wohl vergehen wollte.

Ich erinnere mich noch sehr gut, wie einige meiner Zuhörer, als ich auf ihr dringendes Ersuchen erschien, um sie gegen Bezahlung einer Summe Geldes aus der harten Gefan­genschaft zu erlösen, vor Freude verstummten und über das Leid, das sie erlitten hatten, wie Kinder weinten. Wir waren in dauernder Furcht, gefangen genommen, geschlagen und beraubt zu wer­den. Wir waren verunsichert innerhalb und außerhalb unserer Wohnungen. Wir konnten nicht von einer Stadt zur anderen, von einem Dorf zum anderen kommen ohne Furcht, unter die Schnapphähne zu fallen, ausgezogen und misshandelt zu werden. Viele Männer verbrachten mit Frau und Kindern Tage und Nächte hinter Hecken, in Gräben oder in verfallenen Häusern. Andere zogen mit Frau und Kindern bei Nacht über die Grenze, um ein Versteck in benachbarten Ländern zu suchen. …

Oft konnten wir unseren Gottesdienst, selbst an hohen Festtagen, wegen der eindringenden Zwangsvollstrecker nicht ohne Störung verrichten. Häufig wurden wir verhindert, nach christlichem Brauch unseren teuren Toten die letzte Ehre zu erweisen. Mehr Beispiele dieses Elends mag ich nicht berichten. Junge Leute! Wollt ihr mehr davon wissen, so fragt eure Eltern. Sie können euch erzählen, was sie erlebt haben!

"Unterzeichnung des Westfälischen Friedens", Gerhard ter Borch 1648

Quelle:

Wessel Friedrich Visch, Geschichte der Grafschaft Bentheim, übersetzt nach der Ausgabe Zwolle 1820 von Lucie Rakers, Bad Bentheim 1986

zurück