Die Grafschaft Bentheim in der Geschichte

Der Rote Franz

Im November 1900 wurde beim Torfstechen  im Bourtanger Moor bei Meppen eine männliche Leiche gefunden. Der Tote war nicht bekleidet. Auf der Oberlippe trug er ein Bärtchen. Kinn und Wangen waren dicht mit starken, kurzen Stoppeln bedeckt. Die Haare an den Seiten des Hinterkopfes waren gleichmäßig kurz geschoren. Die Kopfmitte schien recht dünn behaart gewesen zu sein. Die Haare der Stirngegend und der Schläfen hatten eine Länge zwischen 11 und 20 cm. Die Kopfhaut war stark geschrumpft, die Zähne fehlten teilweise. An Kopf und Rumpf  des erwachsenen Mannes  waren noch Weichteile und Hautreste erhalten. Auch Kinn-, Lippen- und Backenbart sowie Kopf- und Schamhaare waren zu erkennen.

"Der Rote Franz", Moorleiche aus dem 3. oder 4. Jahrhundert - © Landesmuseum Hannover

Zuerst dachte man an Mord oder Selbstmord. Doch dann stellte sich heraus: Der Mann war schon seit ungefähr 1700 Jahren tot. Es handelte sich um eine Moorleiche. Man nimmt an, dass der Mann irgendwann im 3. oder 4. Jahrhundert n. Chr. gewaltsam umkam und  im Moor versenkt wurde. 

Durch Inhaltsstoffe des Moores färbten sich die Haare des Leichnams im Laufe der Jahrhunderte rot. Wegen dieser Farbe wurde der Tote der "Rote Franz" genannt. Das Moor enthält Humussäure. Sie konservierte die Körper der Menschen, die im Moor umkamen. Auch Kleidungsstücke und Ausrüstungsgegenstände dieser Menschen wurden im Moor gut erhalten. Sie verraten heutigen Forschern viel über das Leben in früheren Zeiten. 

So könnte der "Rote Franz" ausgesehen haben. Rekonstruktion - © Landesmuseum Hannover

Als der "Rote Franz" starb, war er ein großer, junger Mann, sein Gebiss war gesund, seine Knochen weisen keine Verschleißerscheinungen auf. 

Wie der Mann lebte und woher er kam, kann heute nicht mehr rekonstruiert werden. Sein Tod hatte keine natürliche Ursache. Bei einer gerichtsmedizinischen Untersuchung wurde eine schwere Verletzung diagnostiziert: ein Schnitt durch die Kehle. Normalerweise wurden damals Leichen verbrannt und die Asche beigesetzt. Der "Rote Franz" jedoch wurde im Moor versenkt. Vielleicht wurde er einem Gott geopfert oder aber er fiel einem Verbrechen zum Opfer. Vielleicht wurde er selbst für ein Verbrechen mit dem Tode bestraft. Wir wissen es nicht und werden es wohl nie erfahren.

Der "Rote Franz"  liegt heute im Niedersächsischen Landesmuseum in Hannover. Eine andere berühmte Moorleiche ist der Tollund-Mann. Er wurde in einem Moor in Dänemark gefunden. Sein Kopf ist schwarz verfärbt und die Nase leicht schief. Aber sonst sieht er aus wie ein Schlafender. Der Mund ist geschlossen, jede Furche seines Gesichtes ist erhalten. Der Mann ist allerdings schon seit etwa 2400 Jahren tot.

Der Tollund-Mann - Bild: GBiU

Bis heute wurden mehr als 1000 Moorleichen in den Mooren Nordeuropas entdeckt. Funde in der Grafschaft sind nicht darunter. Zwar berichtet ein Beitrag von Dr. Alfred Diek im Jahrbuch des Heimatvereins 1959 von insgesamt sechs Moorleichen, die angeblich in Balderhaarmoor, Lage, Emlichheim, Bentheim, Nordhorn und Bathorn gefunden worden seien. Doch es stellte sich heraus, dass sich der seinerzeit anerkannte Historiker diese Funde, die er durchaus nachvollziehbar beschrieb, schlicht ausgedacht hatte. Es hat sie nie gegeben.

In den benachbarten Niederlanden ist dies anders. Das Drents Museum in Assen bewahrt die Überreste von sechs Moorleichen, darunter das berühmte "Mädchen von Yde" und das "Paar von Weerdinge", in dem man ursprünglich ein männliches und ein weibliches Wesen vermutete. Inzwischen spricht einiges dafür, dass es sich um zwei Männer handelte.

Quellen: 

- Pressemitteilung des Niedersächsischen Landesmuseum in Hannover vom 5. Oktober 2008

- Andre Berends, Kriminalfälle der Archäologie, Grafschafter Nachrichten v. 28. März 2009

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